14.09.2021

Das Geisterfischchen

Man hat sie bald über, diese zwischen den Lamellen herein und allumher wehende Note von fettem, absterbendem, in der Sonne des Spätsommernachmittags noch einmal aufgeheiztem Leben, und schließt also die Fenster. Das Kindergekreische, die über Gesicht und Arme hüpfenden Turbulenzen – sie zerstäuben wie die Sporen eines Pilzes, dessen hinfällige Hülle einem Tritt erliegt. Ein letztes Nachspüren, dann folgt man vielleicht den an der Wand abfallenden Lichtstreifen und zieht sich dahin zurück, wo es so still wird, dass die Sinne ausruhen, nur der eigene Körper noch ein wenig rauscht und unter Gedanken allmählich verblasst.
In einem der innenliegenden Winkel, die von alldem nur schwache Signale empfangen wie ferne wüste Weltteile, gleitet der Blick an einer kahlen Fläche oder am Raster eines Belags ab. Er ginge auch achtlos über ein hierher Versprengtes hinweg, vielleicht sogar durch jenes Etwas hindurch, huschte es nicht plötzlich die Wandkante entlang. Scheinbar soeben aus einem Splitter der glasierten Fliesen hervorgebracht wie einst Adam aus dem Klumpen Lehm, wird auch dieser Hauch von Stofflichkeit von einem Schatten bezeugt. Von den silbrigen Tierchen, die hier ein gewohnter Anblick sind, gibt es bloß eine Ahnung, der schimmernden Bestimmtheit entkleidet, spukhaft. Dieses papierdünne, lautlose Wesen, das nur seinen Schatten bei sich trägt wie eine Reminiszenz an die finstere Ritze, die es heimlich bezogen haben mag – es flitzt heran, hält ein, tastet seitwärts, saust mit einem raschen Schwenk über das erhellte Neuland, hält ein, formt sich zu einem Häkchen, um wieder kehrtzumachen… Gebannt blickt man hinterher, bestürzt fast, als entliefe in dem kleinen Irrwisch gerade die eigene Lebendigkeit.

27.08.2021

Der Sperber

Der vor dem Fenster, über der tiefstehenden Sonne das geblendete Auge streifende, etwa taubengroße, pfeilgerade dem Dach zu hochfahrende Schattenkörper – auf der anderen Seite, zielte er dorthin ab, müsste sich seine genaue Gestalt zeigen – schon ist er dort tatsächlich über dem Hofweg herabgestürzt, auf etwas, das ihm voran, dem er hinterher rudert, willens, sich jede Extremität zu verrenken, sich mit einem Spreizen des Stoßes, dem Ausgreifen einer Schwinge um die eigene Achse zu werfen, sich, wenn es denn sein müsste, fast zu überschlagen, um auch noch das Eck, diesen vermaledeiten rechten Winkel im Zaun entlang der Hintergärten, zu nehmen – wäre was immer, Spatz oder Meise, nicht dem aufgezwungenen Gewirbel, gerade als es in einem Wendepunkt innezuhalten schien, mit einem wohlbeherzten Satz durch die Maschen entkommen…
Etwa so dürfte es eben gewesen sein. Indes hat er sich emporgeschwungen und sitzt nun, ein Sperber also, erstarrt auf einem schwebenden Gestänge und schaut herab. Mag sein, dass alles um ihn her noch ein wenig schwankt. Seinen dunklen Mantel halb um das geringelte Rumpfkleid geschlagen, spielt er vielleicht unmerklich mit den Muskeln. Aber noch während es ist, als gingen unter der Kuppel über sich leerenden Rängen die ersten Lichter aus, streicht er mit flachen Schlägen dahin zurück, woher er gekommen ist. Die Szenerie kippt, und schon sind die Dinge wieder, was sie für gewöhnlich darstellen: Die Kuppel löst sich auf in leeres Himmelsblau, das Gestänge wird zum Astwerk, die Ränge zu Terrassen und Loggien. Den erst beinah beklatschten Akrobaten – darin käme man, noch ehe das Abendlicht in sich zusammensänke, überein – erachten wir schließlich als einen verschlagenen Jäger aus dem Hinterhalt.

12.07.2021

04.07.2021

Der Fuchs

Vom Fuchs ist uns allen manches hinlänglich bekannt: Er ist scheu und schwierig zu zähmen, meidet die Nähe des Menschen keineswegs, wohl aber das Zusammentreffen. Er bevorzugt die dämmrigen oder nächtlichen Stunden, in denen seine buschige Lunte ihn von den streunenden Hunden unterscheidet, und verbringt die übrige Zeit in seinem sprichwörtlichen Bau. Er ist ein schlauer, ja durchtriebener Jäger mit feiner Witterung und scharfem Gehör. Er verschmäht stolz, was ihm, wie die hoch hängenden Trauben, unerreichbar ist, lässt uns eine alte Fabel wissen. Wo er jedoch das Geflügel reißt oder immer noch die Tollwut bringt, begegnet man ihm mit Argwohn und Flinte.
Dennoch bestehen keinen Moment lang Zweifel daran, dass jener einen Steinwurf von meinem Fenster entfernte tatsächlich ein Fuchs ist. Erbärmlich, so wirkt er, ob der eingefallenen Flanken, des zerzausten Fells, des schütteren Schweifs. In der Hitze des Nachmittags streift er, ohne jede Vorsicht und ohne herüberzublicken, den verwachsenen Bahndamm entlang, anscheinend um sich eine Weile im Schatten des wild aufgekommenen Kirschbaums an den herabgefallenen Früchten gütlich zu tun. Hernach schlüpft er durch einen Spalt zwischen Lärmschutzwand und Brückenbrüstung, trottet über den flirrenden Gleisfächer des in der Sonntagsruhe daliegenden Frachtenbahnhofs wie durch eine Kulisse davon, und so vermag er nichts dagegen, wenn sein Bild zuletzt verschmilzt mit dem des Gesetzlosen, dessen Pfad über ein Stück verbrannter Erde sich im Schleier aufgeworfener Staubschwaden verliert – einem Ziel zu, von dem, und ob er es denn kennt, kein anderer weiß.

2014/2021

09.05.2021

Das Finkennest

Der Gedanke, die Wortwahl jedenfalls, war ohne Widerspruch nicht zu haben, eine Einreichung nicht angeraten, meinte ich: Eine Rundfunkanstalt hatte einen Wettbewerb ausgelobt für Beiträge über einen Garten oder Park als Paradies nebenan. Stattdessen hielt ich mich an die Tatsachen, zu denen immerhin gerade gehörte, dass die Morgenstunden unter die um den Häuserblock ansässigen Kleinvögel fast täglich den einen oder anderen Durchzügler mischten – wie die schwarzweißen Halsbandschnäpper, die von wechselnden Warten in der Wärme über sonnenbeschienenen Rändern die ausschwärmenden Mücken jagten, oder anderntags einen winzigen, überaus quirligen Laubsänger, der mich eine veritable Rarität vermuten ließ, worin mich wohl getäuscht zu haben ich mir danach immerzu von Neuem einredete.
Im Zuge dieser Beobachtungen hatte ich gegenüber von jenem Fenster, das auf die Straße und den Park blickt, ein Buchfinkennest bemerkt. Dieses war nur wenig höher in einer Baumkrone in die Deckung eines stammwärts zurückgebogenen Zweiges gebaut, aus meinem seitlichen Blickwinkel aber unverstellt zu sehen, wenngleich ohne Hilfsmittel nur zu erahnen. Es wurde mir zur Angewohnheit, nicht nur morgens, bei der Ausschau nach neuen Gästen, zum Nest hinüberzublicken und alles Feststellbare genau zu registrieren. Für den Muttervogel gingen ein paar Wochen scheinbar ungestört mit dem Brüten, dann mit dem Füttern des von Tag zu Tag lebhafter fordernden Nachwuchses hin – höchstens die Anwesenheit einer Krähe im nahen Umkreis hielt ihn bisweilen auf seiner Warteposition davon ab, das Nest ohne weitere Umschweife anzufliegen. Doch einen Vormittag lang zog über die Stadt ein ungeheurer Sturm, dessen Böen die Baumstämme wie Schilfrohr schwanken ließen und die nachgiebigen Äste in sämtlichen Freiheitsgraden herumschleuderten, so dass ich für das Überleben der Brut wenig Hoffnung hatte. Von einem solider gelagerten, jedoch wahrscheinlich von Krähen ausgeraubten Finkennest hinter dem Haus etwa blieb danach tatsächlich nichts übrig. Das bewohnte Nest aber hielt stand, und tags darauf zählte ich durchs Fernglas wiederholt und letztlich zu meiner Überzeugung, wenn die Finkenmutter sich einfand, zumindest drei ihr entgegenschnellende Jungvögel. Diese schienen mit einem ersten vollständigen Gefieder angetan, und wenn sie sich waghalsig hinausbeugten, weil sie aus Beengtheit kaum noch anders konnten, wäre zu erkennen gewesen, wie bereit sie sein mochten, ihre Mulde zu verlassen.
Abermals einen Tag später verschlief ich die übliche Stunde der ersten Morgeninspektion. Im Nachholen nahm ich dann nicht die geringste Regung wahr – kein gegenseitiges Streitigmachen des vermeintlich besten Platzes, kein Wiederkommen der Elternvögel, welches einen verborgenen Nesthocker unweigerlich hochgelockt hätte. Da das Nest aber immer noch im Schatten lag, wartete ich länger als nötig, bis ich vollends einsah, dass die Gelegenheit, das Ausfliegen zu beobachten, versäumt war. Allerdings begann sich in einem dunklen Winkel nun doch etwas zu rühren, und ein um weniges hellerer Schemen gewann darin unter meinem unablässigen Hinsehen allmählich an Deutlichkeit. Klein und wie mit Flaumhärchen bedeckt, konnte es sich tatsächlich nur um einen späten Nestling handeln, der um etliche Tage jünger sein musste als seine Geschwister, wollte man nicht annehmen, seine Entwicklung wäre so weit zurückgeblieben. Eine Bewegung wie jene suchende, die ich anfangs bei den Älteren wahrgenommen hatte, als diese vielleicht noch nicht richtig zu sehen vermochten, bestärkte mich in dieser Annahme. Es war jedoch, als läge er seitlich über dem Rand des Nests, das am Ende etwa doch Schaden genommen hatte, oder gar daneben auf einer wie auch immer gearteten Erhebung. In dieser ohnehin schon prekären Lage fiel auch noch sein mit aller Kraft hochgereckter, dann aber zu schwer scheinender Teil, der also der Kopf sein musste, immer wieder gefährlich vornüber. Mit einem Mal kam mir die Erinnerung an eines der Schwalbennester an der elterlichen Wohnung, in dem, von uns allen unbemerkt, nicht nur ein Junges, sondern die gesamte Brut aufgegeben worden war – Jahre später hatten Sperlinge die Wandung aufgebrochen und ein paar fragile, an überproportionalen Schädelchen hängende Gerippe zutage gebracht, die zwischen den Fingern sogleich zerfallen wären, hätten sie nicht spärliche mumifizierte Reste zusammengehalten.
Hier sanken indes die Schatten der Dächer unter jene Etage der Baumkronen, und schließlich legte die Sonne im Ausleuchten beiläufig offen, wie unzulänglich meine Anstrengungen im Halbdunkel gewesen waren: Wo ich den zurückgelassenen Nestling erschaut hatte, war jetzt nichts als eine einzelne zerzauste Flaumfeder, vielleicht die eines etwas größeren Vogels, deren Kiel gerade so weit in das Halmgeflecht eingearbeitet sein musste, dass nicht einmal der Sturm sie völlig losgerissen hatte. Dass nun eine weitaus schwächere, an diesem Morgen kaum noch bemerkte Luftbewegung sie in ein heftig ausschlagendes Pendeln versetzen konnte, war die Erklärung des Spuks – was mich auf so widerwärtige Weise genarrt hatte, eine an dieser Stelle gänzlich unangebrachte Vorspiegelung der Fantasie, aufgeschaukelt durch eine Daune im Wind.

13.03.2021

Hinter schiefen Zäunen

Hinter schiefen Zäunen liegt ein Land,

wo aufgeschossne Birken stehen,
wo im Beifuß noch Geleise gehen
und längst schon Fröste den Asphalt
in Schollen brachen, Spalt für Spalt,

wo alles Menschenwerk verwittert,
wo auf Simsen dürres Gras erzittert
und nur ein Terzel Ausschau hält,
wenn lautlos eine Glut verschwelt.

Ist’s, wenn die Stille Rufer stören,
weil sie irgendwas im Schilde führen,
weil sie vielleicht die Messer wetzen
und ihre scharfen Hunde hetzen?

Ist’s, wenn der Atem einem stockt,
weil manch Verfall Verfall anlockt
oder Distelfinken leis
 den Krallen
des Sperbers hier zum Opfer fallen?

Hinter schiefen Zäunen liegt das Land.

20.02.2021

Goldhähnchenwinter

Was mir auch als Winter der Goldhähnchen in Erinnerung bleiben wird, kündigte sich Ende Oktober an. Nur war es zunächst schwerlich als ein Vorzeichen zu begreifen, dass ich eines Nachmittags jenes verletzt oder zumindest benommen wirkende Goldhähnchen fand. Es bot einen höchst überraschenden Anblick, wie es mit zugekniffenem Auge reglos auf der Holzplanke saß, draußen vor der Terrassentüre, gegen die es wohl geflogen war, und selbst auf meine Bewegungen hin keinerlei Reaktion zeigte. Als ich vorsichtig die Türe aufschob und versuchte, es von allen Seiten zu betrachten, da allerdings erwiderte es meine Nähe mit dem feindseligsten Fauchen, das ein Wesen so geringer Größe auszustoßen imstande sein dürfte. Meine Verblüffung nützte es in Sekundenschnelle zur Flucht, jeglichem Anschein, es bestünde Anlass zur Sorge um sein Leben, zum Trotz.
Ob ich erst jenes Pechvogels bedurft hatte, um die nötige Wachsamkeit zu entwickeln – wie man bisweilen lang Übersehenes, hat man es einmal bemerkt, allenthalben zu sehen beginnt – oder die kalte Zeit die Goldhähnchen diesmal in größerer Zahl als sonst in die Stadt getrieben hat, fragte ich mich bald. Etwa seit Neujahr gehe ich jedenfalls an keiner Baumgruppe im Umkreis vorüber ohne die Erwartung, ein Unscheinbares könnte sich im hastigen Anflug plötzlich, wie keine andere der hier vorkommenden Arten, mit einem unmöglich wirkenden Haken, einem durch nichts erzwungenen Manöver, ins Geäst fallen lassen. Dem würde die Verwunderung darüber folgen, dass ein Bewegliches, und wäre es das kleinste im Kreis der Verwandtschaft, in der Krone eines einigermaßen gut einsehbaren Baumes so unwiederfindbar verschwinden konnte – als hätte es, mir zur Freude, durch die Zweige zu wandeln wie das Schiffchen durchs Fach.
Mittlerweile haben wir einen dieser halbhellen Februarmorgen. Der Frost ist gebrochen, im Park ist der Schnee geschwunden, nur die Nebelkühle lässt das Eis auf den Wasserflächen noch glanzlos widerstehen. Über den Rand einer Kieferngruppe aber hat sich eine wispernde Schar aus vielleicht einem knappen Dutzend Goldhähnchen ausgebreitet. Hier kann man sie nun beobachten, wie sie ihre Köpfchen in die Nadelbüschel stecken, um sich aus den Zwischenräumen zu nähren. Wie aus Fäden, deren allein sichtbare Knoten sie sind, bilden sie ein elastisches Gewebe. Fliegt an einer der Ecken ein Emsiges ein Stückchen weiter, folgt diesem eins ums andere, und bald zieht sich mit dem Nachrücken der Letzten das geweitete Netz wieder zusammen. So wandern sie, jedes unentwegt in suchender Bewegung, immer um eine kurze Strecke weiter, ohne dass je eines die Verbindung zum Trupp verlöre oder dieser gar entzweirisse. Es scheint, sie versichern einander mit kaum hörbaren Rufen ihres Zusammenhalts; mir dagegen verwirren sie die Fähigkeit, Wahrnehmung und Vorstellung auseinanderzuhalten. Wie ich bewusster lausche, ist es, als läge über dem Winkel des Parks die Stille eines Bergwalds im Schutz eines Kamms. Diese Stille ist wie ein leerer Grund, bereit, die Notation der feinsten Stimmen aufzunehmen, bis vom Bahndamm ein aus volleren Registern wiederkehrendes Tönen mit raumfordernder Geste ausholt, aufs Gröbste darüber hinschwärzt und obendrein noch fett verläuft. Freilich, eine aufgeplusterte Metapher – und jene Leichtigkeit, welche der Gegenwart der Goldhähnchen allein gerecht wird, ist dahin.
Mit dem unbekannten Fotografen, dessen Tun mich eigentlich erst auf die Stelle aufmerksam gemacht hat, wechsle ich schließlich ein paar freundliche Worte zwischen Weg und Rasen. Im trüben Licht müht er sich geduldig und mit dem angebrachten Maß an zurückhaltender Annäherung, einnehmend in beidem, an den Vögeln ab. In einem flüchtig herübergeworfenen Seitenblick kommentiert er ihre Unrast mit einem seufzergleichen Lächeln. Ich meine darin zu erkennen, dass er unter meinen Augen verlegen wird, als wäre er seiner Sache nicht ganz sicher. Daher lasse ich ihn, auch weil es für unsereins ein Seuchenjahr ist, allein mit den kleinen Wintergästen und gehe weiter meines Weges. Während die Begegnung noch nachklingt, denke ich ihm dies als einen Ausdruck der Verbundenheit zu. 

31.01.2021

Inspiration

(Zweite Fassung)

Als die Ahnung ihn anflog, drängend
wie Boten launischer Stürme –
ungelenk stimmte er da
seine hohlen Hölzer
mit bockiger Säge.

Als die heftigste Regung sich legte,
gab keines den richtigen Ton,
aber er ließ nicht ab
von den Formen.

Als das Verbliebne er ausblies,
durchwehte das Innere
ein alter Akkord. 

10.01.2021

Baumstümpfe

Dies nennt die Stadt eine Baumscheibe. Nicht etwa jene Schnittfläche, die nach dem Fällen der Stumpf den Blicken darbietet, sondern rings um den Baum die Aussparung im Straßenbelag. Im vorliegenden Fall ist diese, obgleich nutzlos geworden, ungewöhnlich großzügig bemessen, und jene immer noch eindrucksvoll, nicht bloß mit einem weiten Schritt zu überspannen. Welche Zunahme an Stammumfang, welcher Mantel an Wachstumsringen hier der Anzahl an Lebensjahren der Baumschneider, der Greisin an der Haltestelle oder meiner eigenen entsprechen mag? Ich war damals wahrlich erschrocken, als an der Straßenbahnkehre die große Esche, welche das Linneische Attribut excelsior so vortrefflich verkörpert hatte, gleichsam mit einem Federstrich beseitigt wurde. Ich hatte nur noch beobachten können, wie man ihre Teile mit sichtlicher Routine einzeln nacheinander auf einen Kranwagen verlud. Immerhin war es nicht möglich gewesen, sie allesamt stracks abzutransportieren, ohne zumindest einen Haufen übereinandergeworfenen Astschnitts, aus dessen aschgrauem Chaos die prallen, schwarzen Knospen ohne Zahl herausstanden, bis zum nächsten Morgen liegenzulassen. Hingegen hat man keinerlei Versuch unternommen, den Strunk auszugraben – eine Unmenge an Wurzelholz, das gesamte verborgene Materialisat der dahingegangenen Lebenskräfte hätte sich dem noch widersetzt. Man wird also im Queren weiterhin um die Stelle herumgehen. Man wird niederblicken auf den kaum über Bodenniveau erhabenen Rest, den Regenfälle und Nebellagen mittlerweile schwärzlicher als das Erdreich färben. Dieses Schwarzwerden, dem jeder Glanz abgeht, welches vielmehr von der Rauheit, der rasch voranschreitenden Verwitterung vertieft wird, vermag die Gedanken ganz zu sich herabzuziehen. Es lädt zu nicht recht willkommener Teilhabe  am Überlassensein ans Unwiderrufliche und an die unauffälligen Sprenkel der Schimmelpilze. In dieser Esche, deren Bild meine Erinnerung sich möglicherweise schon ein wenig zurechtzumachen beginnt, vermute ich dennoch erst seit ihrem Fehlen jene Sorte von Baum, die vor all dem anderen dagewesen ist. Ich male mir aus, sie wäre hier gestanden, als die Hochbahn errichtet und der Raum von den übrigen Seiten her, vielleicht bereits durch ihre Anwesenheit geprägt, zu einem schattigen Winkel umbaut wurde. Nun aber schauen die Dachetagen der Gebäude auch dort, wo sie eben noch auf die Baumkrone hinausgegangen sind, über die fahrenden Züge hinweg und über eine Örtlichkeit, die sich als Verschnitt an der Unterbrechung des Straßenrasters zu erkennen gibt.
Zurück am Schreibtisch, drängt es mich, auch die hiesige freie Aussicht zu erwähnen, denn bald nach meinem Einzug hat man entlang des ganzen Straßenabschnitts sämtliche Bäume geopfert. Ob sie krank gewesen sind oder ihnen die Bauarbeiten allzu großen Schaden zugefügt haben, weiß ich nicht. Doch allein aus Platzmangel ließe man hier keinen alt werden. Jedenfalls hat man daneben neue Bäumchen eingesetzt, und wer die kleinen Stümpfe im Gras noch bemerkt, wird sie bald übersehen. Vermutlich sind alle von ihnen, wie jener unter meinem Fenster, Ahorne gewesen. Von welcher Art der Ersatz ist, hat mich kaum beschäftigt. Kommt es mir jetzt gar vor, als handle es sich um billiges Mobiliar, dessen neuerlicher Austausch demnächst verfügt werden könnte?

06.01.2021

Weltflucht

(Ein Vexiergedicht)

Mir ist die Welt im Tauen des Schnees,
der, aufgebreitet über Nacht,
hinrieselt nun in diesen Schacht.
Aber deine Welt ist anderswo.

Mir ist die Welt im Wehen des Staubs,
der leicht sich auf den Halden regt,
der nimmt, worauf der Wind ihn legt.
Aber deine Welt ist anderswo.

Mir ist die Welt im Blühen des Klees,
der purpurn auf den Lehnen steht,
im Sommertag, der schwer vergeht.
Aber deine Welt ist anderswo.

Mir ist die Welt im Fallen des Laubs,
das hell erst in den Zweigen winkt,
eh’ rottend Laub im Laub versinkt.
Aber deine Welt ist anderswo.

27.12.2020

Splitter

Es ist nun doch beinah frostig geworden. Stücke von Himmelsblau – die zwischen den schattenden Lamellen der Jalousie gerade einzig sichtbaren – sind abgesplittert, eingefasst von einem schief zu liegen gekommenen weißen Rechteck, unter die Zweige des immergrünen Schneeballs gestürzt. Denn im Gebüsch gegenüber von meinem Fenster hat sich jemand eines zersprungenen Spiegels entledigt.

Vor einem Jahr, während einer mehrstündigen Bahnfahrt, flackerte in der fortgeschrittenen Dämmerung, nur eine Kurve lang, ein breites schimmerndes Band aus den verschneiten Fluren. In einer Biegung des trüben Flusses, den wir eine ganze Weile entlangfuhren, verstärkte sich die letzte Helligkeit des westlichen Himmels. Die Schneedecke umher lag, finster und eingefallen, bereits wie in tiefer Nacht. 

Aus meiner Erinnerung taucht der Ausschnitt eines Vorstadtstraßenzwickels, wo im Winter der frische Schnee zwischen niedergedrückten Grashalmen Gruppen besonders zierlicher aufrechter Fruchtdolden zum Vorschein zu bringen pflegte. An jener Stelle, neben der einstigen, von uns Kindern gerne zum Rodeln aufgesuchten Böschung, befindet sich schon lange ein Vorratsbehälter für Streusplitt.

19.12.2020

Der Eisvogel

In der kalten Zeit breche ich einmal im Monat an einem frühen Sonntagmorgen zur Strecke am Fluss auf. Sie beginnt in einer der Biegungen, mit denen dieser sich dem weitaus mächtigeren Strom, den man dahinter bereits erahnt, in nachlassendem Widerstreben an die Seite legt, ehe er sich ihm mit einer letzten Krümmung zuschlägt. Dahin folge ich seinem Lauf. Zunächst lasse ich einen Flecken abgezäunten, verbuschten Brachlands hinter mir, zwei zu einem Autobahnknoten führende Hochtrassen mit ihren aus dem Halbdunkel der Brückenlager hörbaren Taubenkolonien, die Randzone einer ungeheuren, undurchschaubaren Konglomeration petrochemischer Anlagen, geeignet ein ganzes Land zu befeuern, eine letzte still daliegende Querstraße, letzte wermutfarbene Gärten. Senkt sich der wallende Auswurf der Raffinerie auf die Niederung, so mischen sich auch hier noch laue olefinische und schwefelige Dünste in die Winterluft.
Bevor sie ihn in den Auwald, der schon halb dem Strom gehört, entlässt, hat die Stadt dem Fluss zwei für Sentimentalität unempfängliche Begleiter mitgegeben, ihn fest im Griff zu behalten, sollte er über die Stränge zu schlagen drohen. Die abschüssige Einfassung hinab blickt man über geheimnisloses Grün, das nirgendwo höher steht als eine Handbreit. Aus der Strömung indes scheint jegliche Kraft, anderes mit sich zu reißen, geschwunden. Meist bemerkt man zu dieser Jahreszeit eine trockengefallene eisgraue Kieszunge, auf der Lachmöwen lautlos den Tag erwarten, bis etwas sie veranlasst, zeternd umeinander emporzukreisen. Hier oben an der Dammkrone, keinen Schritt vom Wegrand, stecken in genau bemessenen Abständen dünne Stämme, jeder bis über die Lenden gekalkt. Doch es ist, als trügen nicht alleine diese für die Nachwelt bestimmten Eichenbäumchen einen bleichen Anstrich. Wenig über Augenhöhe beginnt, spärlich, das kleingelappte, verdorrte Laub leise zu rasseln oder bleibt, wie heute, stumm. Noch der verhangenste Himmel wird darüber hoch.
Dann zwei scharfe Pfiffe – und als hätte im Augenwinkel alles zuvor vermisste Blau sich zu einem Geschoss verdichtet, pfeilt es knapp überm Wasser hin. Nie kann man sich erinnern, vor jener der drüben aufragenden Pappeln seine Spiegelung gesehen zu haben. Manchmal zeigt es sich auch denen, die seine Erscheinung nicht erwarten; doch ohne Witterung läuft der von einer Dame ausgeführte Hühnerhund, die Schnauze am Boden, ganz nahe vorüber aus dem Bild, und sie flink hinterher. Unbehelligt verharrt der Eisvogel auf seinem Ansitz, dem überhängenden Ast eines der wildwachsenden Gehölze, die am Ufer eine Gnadenfrist erhalten haben, und späht. Löschte Nebel oder Schneetreiben ringsumher die letzten Farben aus – unter seinem Funkeln sähe man einen Glutrest des Lebens bewahrt. Ich beobachte ihn von meiner Warte, bis er ansatzlos fortjagt. Auch ich muss nun weiter, trotz der frühen Stunde. Die Strecke ist noch lang.

10.12.2020

Lichtfinger

Die allergewöhnlichsten Dinge haben ihre kleine Geschichte – wie also nicht die Lichtfinger? Davon an einem so düsteren Tag wie diesem zu beginnen, schafft geschickt Voraussetzungen. Die wenigsten würden allerdings Zeit damit vergeuden, auf ihre wirkliche Erscheinung zu warten. Schließlich wetterleuchteten sie durch die Jahrhunderte und stehen nun, in den erhabensten und erbaulichsten Spielarten überliefert, nach Belieben zur Verfügung. Dabei versuchten sie zuerst zu überwältigen, aus Altarräumen und Kuppeln, zu denen man gelegentlich aufsah. Eine veritable Explosion meinte ich einmal im Vorübergehen an einer Vedute zu sehen, über deren umflorter Ferne sich Garben von Lichtbündeln breiteten. Zurückhaltender, intimer gleichsam, begegneten sie in mancher Wolkenstudie, wogegen man in Bildkompositionen von jener wie in einem Kristall refraktierten Art übersteigerte Abwandlungen erkennen mochte. Auf einer Fotografie wiederum brachen Lichtbahnen in silberheller Deutlichkeit herein über Felder nackten Gesteins, ereignishaft, als gälte es ein erstes oder letztes Mal.
Ein andermal, während einer Flussfahrt, bekam die Wolkendecke, die uns einen langen Tag hindurch begleitet hatte, diskrete abendliche Lücken, die das Sonnenlicht tatsächlich in grandioser Weise über einem niedergesunkenen Landstrich auffächerten. Als ich eine Mitreisende auf die herrlichen Lichtfinger hinwies, erhielt ich prompt zur Antwort, welchen Zweck dies denn hätte. Warum ich sie seitdem anders betrachte?

05.12.2020

Krähenvision

Am Morgen, etwas nach Sieben, schien alles wider von einem ungewohnt getönten Leuchten, das mich gleich im ersten Aufsein innehalten ließ. Unter einem verschleierten Himmel war das Grau ebenso wie das dazwischen ausharrende späte Grün in ein fahles Glimmen getaucht, als blickte ich statt aus dem Fenster auf die verblichene Fotografie eines fernen goldenen Herbsttags. Wo das Licht herkam, da aber wirbelte, hierhin und zugleich dorthin, in heftigen Windböen, die Rauchfahne eines Zuges von Krähen und Dohlen über die ganze Stadt hinweg; und mit ihnen hasteten Trakls, schwärmten Schieles Raben nordwärts, verschworen, ihren Versen und Farben gemäß, draußen in die brachen Äcker und Gärten einzufallen. Plötzlich gewann das fahle Licht, als wäre es vom Sturmwind angefacht, vehement an Kraft und wurde zu einem Lohen, indes sich der schwarze Zug am Himmel immerzu unabsehbar fortsetzte; darin nunmehr Van Goghs Krähen, einem Ziel irgendwo außerhalb des, in der Wirklichkeit nachgerade unirdisch, jedenfalls aber unheimlich gewordenen Gelbs zu.
Später – ich war gerade dabei, die Nachrichten einzuschalten und mich zum Frühstück zu setzen – schritt eine Rabenkrähe spähend auf dem Balkongeländer entlang. Bei meinem Anblick duckte sich das Tier erst erschrocken. Nach kurzem Zögern wandte es sich weg und flog über den Hof davon. Da war schon wieder alles wie sonst.

29.11.2020

Der Bildgelehrte

(Beginn des zweiten Strangs der Parallelerzählung Der Heliograf und der Bildgelehrte)

Der Morgen war farblos und opak und schien in einem fortwährenden Anbruch gefangen – eine gestockte Dämmerstunde. Was von draußen hereinsickerte hätte kein Gefühl dafür aufkommen lassen, wie weit er schon fortgeschritten war. Indem ich die gewohnten ersten Verrichtungen in Angriff nahm, versuchte ich seiner Kraftlosigkeit etwas entgegenzusetzen. Freilich, nichts zwang mich heute. Als ich ins Schlafzimmer zurückkehrte, war mir, als sähe ich Schwaden kalten Dunsts hereinziehen und Wege suchen, die Wärme bis ins Innerste auszulöschen. Fröstelnd schloss ich die Fenster, brachte das Bett in Ordnung und begab mich nun rasch – doch später als üblich an Tagen, die frei von Terminen waren – ans andere Ende der Wohnung, um mich an meinen Arbeitsplatz zu setzen. Ich überlegte, ob die Straßenbeleuchtung ungeachtet der Verhältnisse bereits zur festen Stunde erloschen war. Unschlüssig schaltete ich die Leselampe an und wieder aus.
Vor mir lagen Bücher, Aufsätze und Auszüge, die ich vor Wochen zusammengesammelt, dann aber liegengelassen hatte. Vorausgegangen war die Ahnung, deren Zusammenschau würde mich einer Fährte folgen lassen, denn ich meinte im Schrifttum übersehene gedankliche Korrespondenzen erkannt zu haben, die zu vertiefen vielleicht lohnte. Die Idee war mir schon lange reizvoll erschienen, und ich hatte sie neulich aufgegriffen, als es darum ging, einen Beitrag für ein Symposium und eine Festschrift zu konzipieren. Damit galt es, akademischer Tradition folgend, einen Emeritus der Fakultät anlässlich eines runden Geburtstags öffentlich zu ehren. Ihm, der an seinem Nimbus, welcher ihm nebenbei manche Freiheit verschafft hatte, unverhohlen Gefallen fand und das Aufheben zweifellos genießen würde, hatten zahlreiche über den halben Erdball Verstreute viel zu verdanken. Obwohl auch ich mich seiner Person und Wirkung kaum weniger als die Nächststehenden verpflichtet sah, beabsichtigte ich, auf dessen schulbildendes ikonografisches Werk nicht offen zu verweisen. Für die nicht wenigen Kenner unter den späteren Hörern und Lesern würden Bezüge auch zwischen den Zeilen einfach zu erfassen sein.
Dies war, was man sich in unserem Kreis unter einem freudigen Ereignis vorzustellen hatte. Selbst wenn man bedachte, wie etwa unerwartet sich ergebende Seitenpfade und andere Abschweifungen ein solches Unterfangen in die Länge ziehen konnten, war die Frist hinreichend und die Vorbereitung nicht über Notizen einiger zwingend zu zitierender Stellen hinaus gediehen. Das Anregende des Einfalls war jedoch unterdessen schal und die Aufgabe zu einer unter anderen zu erledigenden geworden – auf natürlichste und gleichwohl etwas beschämende Weise. Nur verlor, anders als an geschäftigen Tagen, nun überhaupt die gewohnte Rolle eines Verfassers von Sekundärschriften jede Selbstverständlichkeit. Wie in den ziellosesten Stunden, die plötzlich alles wie von ferne betrachten lassen, empfand ich mich als einen Zuspätgekommenen. Es reihten sich wiederkehrende Vorstellungen: dass dieselben Erwägungen und Schlüsse sich wie von selbst auch in den Köpfen anderer ergäben, gingen diese an dieselben Lektüren mit denselben naheliegenden Fragen heran; dass es ein Leichtes wäre, an Manifestationen des Denkstils, an Begrifflichkeit und Ausdrucksweise selbst der am freiesten angelegten meiner Aufsätze abzulesen, mit welchen Autoren ich mich zuletzt befasst hatte; dass meine Darlegungen über den jeweiligen Anlass hinaus zu wenig wahrgenommen würden, wenn ich nicht später selbst darauf rekurrierte, und so fort… Auch war mir, wenn ich zu einem Abschluss kam, wenn sich die Dinge endlich stimmig und elegant fügten, nicht selten, als müsste dergleichen bereits hervorgebracht worden sein und ich hätte womöglich auch dort, wo es nicht der Absicht entsprach, lediglich nacherzählt – was einen konfusen Drang, das Schrifttum erneut zu sichten, auslösen konnte. Es beruhigte mich dann höchstens oberflächlich, wenn die schulterklopfenden unter den Kollegen, deren Tätigkeit allerdings ganz anderem Partikularem galt, meinen Arbeiten gelegentlich Originalität attestierten. Derlei Schmeicheleien pflegte ich mit einem wissenden Lächeln zu quittieren, welches wohl allzu durchschaubar war. Auch dies im Übrigen eine jener, vielleicht die peinlichste aller Vorstellungen: für andere ein offenes Buch zu sein.
Als könnte mir dies aus der drohenden Klemme helfen, hob ich die Ecke eines der gehefteten Papiere und ließ es, Seite für Seite, mit dem Daumen herabschnalzen. Ich wusste darin einen der Gedankengänge ausgeführt, in deren Kern ich zwei Theoretiker verschiedener Zeiten einander treffen sah, mochten sie auch unterschiedliche Termini verwendet haben. Ich wäre kaum Gefahr gelaufen, mich dem Vorwurf gedanklicher Unschärfe auszusetzen, hätte ich dieses Verwandte zusammengeführt – doch wurde mir quälend bewusst, dass beiderlei Formulierungen vor jeglicher Erkenntnis im Grunde eines bezeugten: eine besondere Art von Bereitwilligkeit, sich illusionieren zu lassen – doch eben nicht allein auf die Weise, wie dies durch Bilder stets und zwangsläufig geschah. Was aber auf nichts weiter als subjektivistischer Täuschung beruhte, war schlechterdings kein Terrain, auf welches sich Seriöses gründen ließ. Umso bemerkenswerter, dass solches in neuem Gewand wiedergekehrt war.
Ich blickte zum Fenster und wähnte mich abermals in einer angehaltenen Morgendämmerung. Aus dickem Nebel, welcher der Grund war, warum sich der Tag so schleppend anließ, traten auf der anderen Straßenseite, im Zwischenraum der Laternenpfosten, jene Kiefern hervor, hinter denen ich sonst die Wiese mit dem umlaufenden Weg sehen konnte und die mich manchmal an die malträtierten Pechbäume oder die von Kiesgruben und erstickten Brandherden durchsetzten Schwarzföhrenforste des Umlands erinnerten. Stattdessen nun bloß ein ins Milchige abtauchender Streifen Erdreich, darauf gestaffelt die vordersten Stämme – ein jeder auf eigene Weise zu zierlich wirkend, keiner gerade, jeder anders gekrümmt oder geneigt und trotzdem die schweren Klumpen seiner beschlagenen Krone möglichst hoch balancierend. Indem die trübe Materie zwischen ihnen die Eigenart jeder Gestalt zur Geltung brachte, die Tiefe verdeutlichte und das Weitere verbarg, eröffnete sie Überraschendes: Als wäre ich nicht vertraut mit der Örtlichkeit, die lediglich einer der ausgesparten Flecken zwischen den Verdichtungen der Großstadt war, erschien mir die Baumgruppe mit einem Mal wie der Vorposten eines Bestands, der sich mit einem Tausendfachen an Wipfeln bis jenseits eines fernen Horizonts hinziehen konnte. Maschendraht, Randstein, Asphalt, und was sonst um sie her sein mochte, verblasste. Vielmehr wies der Flug einer im Nebel verschwindenden Krähe in ein Unbestimmtes, das zu entwickeln oder auszuschlagen freigestellt war.
Gedämpft waren die Geräusche und Scheinwerferlichter, aber unvermeidlich kam die Ablenkung von der Straße. Ich wartete das eine oder andere querende Fahrzeug, wartete auch noch den Linienbus ab. Dann suchte ich den verflüchtigten Eindruck wiederzugewinnen – um wenigstens eines Nachklangs jener Wirkung willen, welche das unwillkürliche Spiel der Imagination aus dem Anblick des verschleierten Raumes empfangen hatte. In diesem Moment jedoch lenkte eine Assoziation meine Aufmerksamkeit einwärts: Ich musste an bemalte papierene Wandschirme aus der Hand eines klassischen japanischen Meisters denken, dessen sparsame, immerzu noch weiter verdünnte Tuschelasuren aus kaum mehr als inselhaften Keimen einen ganzen unabsehbaren, nebelverhüllten Kiefernwald vor dem Betrachter erstehen ließen. So groß war die Wertschätzung, die dem Werk entgegengebracht wurde, dass das fragile Paar durchscheinender Faltschirme, allein emporgestellt auf das Podest eines dunklen Saals und, wie andernorts die protzigsten Monumente nächtlicher Hauptplätze, aus verborgenen Quellen ausgeleuchtet, mittlerweile ein Schatzhaus von allerhöchstem Rang bereicherte.
Nichts davon wusste ich freilich aus eigener Anschauung, und meine Kenntnisse waren damit schon erschöpft. Abhilfe vermutete ich in meiner Bibliothek, denn die öffentlichen Sammlungen waren längst für weltweite Leserschaften monografisch aufbereitet worden. Doch stellte sich heraus, dass hier nur spärliche Realien zur Hand waren und ich Vertiefendes vergebens suchte. Hingegen fand ich großformatige Illustrationen, Detailaufnahmen mit bräunlichgrauen Tönen auf hell pergamentfarbenem Grund. Mein Blick verfing sich an einer Wurzel, die eine Geländeerhebung – einen spitzen Felshöcker etwa – umklammerte. Von einer mit knapper Geste angefügten Verzweigung abgesehen, bestand diese in einem einzelnen breit durchgezogenen, in überzeichnender Manier hochauf und abwärts ins Leere geschwungenen Pinselstrich, welcher Niederschlag eines einzigen konzentrierten Atemzugs sein mochte. Die darüber aufragenden Stämme, die verschieden dunkles, schütteres Astwerk trugen, schienen auf den zweiten Blick einander in Teilen auf die eine oder andere Weise zu entsprechen. Flüchtig konnte man meinen, im Nebeneinander dieses und jenes vielleicht gar ein und denselben Baum zu sehen, den auf- und niederziehende Nebelschwaden einmal mehr, einmal weniger dicht umgaben. An den Kronen waren ganze Nadelbüschel wie in einem Zug mit gebündeltem Bambusstroh oder einem groben Reisigpinsel gesetzt. Die immer etwas abgewandelt wiederholten Strichelungen wirkten dabei so unfest, als wären sie die Spuren der im Wind schwingenden Zweige selbst. Jede Partie schien ein Echo in benachbarten zu haben. Alles war vereinzelt und klang doch zusammen...

30.10.2020

zwei haiku


#35

am weg zur arbeit
huschen schatten vor mir her –
fallende blätter


#36

kalter morgenwind 
im verwaisten spinnennetz 
starben die fliegen


28.09.2020

Vorstadtwäldchen

Wäre nicht die alte Fabrik, aus deren gespenstischem Lichtschein es nachtlang weithin hörbar zu rumpeln pflegte – die schmale Straße wäre hier einst hauptsächlich zwischen Feldern verlaufen. Immer noch erstreckt sich gegenüber dem vor vielen Jahren verstummten Werksgrund, um den mittlerweile eine Vorstadtsiedlung entstanden ist, seitab der Straße eine dicht von Bäumen und Büschen verwachsene Fläche. Wäre diese nur um ein oder zwei Baumkronen weniger breit und ärmer an Unterholz – man könnte vom Fußweg, welcher deren Saum der Länge nach durchzieht, selbst im Sommer zur Gänze hindurchblicken und wäre einer Illusion beraubt. So aber bleibt die dahinter angrenzende Reihe von Gärten und Kleinhäusern einem aus westlicher Richtung hierher Verschlagenen fürs Erste verborgen, und die Bezeichnung Wäldchen erscheint nicht zu groß gewählt für das, was einen Windschutzstreifen an Ausdehnung nur wenig übertrifft. Gelegentlich gehen von jenem Weg unauffällige Trampelpfade ins Innere ab. Welchem von ihnen auch immer man, einer Art Forscherneugier nachgebend, folgt – unversehens drohen dem gewohnheitsmäßigen Stadtwanderer die eingeprägten Raster zu versagen. Wohin ist man geraten? Es scheint, als hätten Nomaden – hierorts? – ein halbes Dutzend Nachtlager dem Verfall überlassen. Sofern sie nicht unter der eigenen Last zusammengestürzt oder – man meint es zu erahnen – mutwillig zerstört worden sind, bestehen sie aus gegen einen einzelnen Baumstamm gelehntem Totholz, ohne etwas wie Zelttuch ungeeignet, noch irgendeinen Zweck zu erfüllen. Streift man aber ein wenig weiter, tritt aus der Deckung beinah mannshohen Brombeerdickichts ein Gebilde von der Form einer kleinen Jurte, in welche man aufrecht eintreten könnte. Vier Bäume umspannend, ein von eingeflochtenen Waldreben zusammengehaltener, mit einer durch Äste beschwerten Plane überdachter Kegelstumpf, böte dieser Verschlag wirksamen Schutz bei allen erdenklichen Wettern – bloß zu wessen Nutzen? Da man an Not nicht glauben mag, spielenden Kindern derlei Fertigkeit jedoch nicht zutraut, sucht man nach Drittem, ohne zu einem Schluss zu kommen. Noch während man die eine haltlose Überlegung verwirft und die andere wieder aufgreift, stößt vielleicht lautlos aus der Weite im Rücken, mit einer kleinen erschlafften Beute in der Klaue, ein Sperber ins Gehölz und verschwindet kaum einen Flügelschlag später im Uneinsehbaren wie ein Spuk.

18.09.2020

haiku #34


noch knistert der platz
vom frischen asphalt – ringsher
lugen die tauben

29.08.2020

Der Heliograf

(Beginn einer Erzählung)

Vertrauen wir fürs Erste ganz den forschenden Augen. Gleich jenen, die das Unikat schon früher erkundet haben, nähmen unsere Augen im Schweifen über die ein wenig verkratzte Oberfläche nicht nur ihren metallischen Glanz wahr. Sie fänden diesen in Abstufungen gebrochen, sähen etwas darauf mit dem Schimmer widerstreiten und in bläulichen Tönen, ähnlich einer schwachen und ungleichmäßigen Patina, sich vom Silbrigen scheiden. Wir könnten versucht sein, schon jetzt, ehe wir noch begriffen hätten, was an Fasslichem hier durchaus vorhanden ist, die Fantasie von der Leine zu lassen und einem jener Trugbilder nachzuhängen, wie wir sie uns bisweilen aus einem verborgenen Beweggrund zurechtzumachen neigen. Doch bemühen wir erst noch ein wenig unsere Augen, unter deren Abwenden sich einzelne Konturen abgezeichnet, dreieckige, viereckige Flächen sich voneinander abzuheben und das erstarrte Spiegelbild einer Szenerie Gestalt anzunehmen begonnen hätten. Stellen wir uns vor, dem Wegschauen wäre also ein Erahnen zuvorgekommen, welches uns für das neuerliche, höchstens noch für die Dauer eines Zwinkerns ablassende Schauen einen günstigeren Lichteinfall suchen ließe. Wir bemerkten dabei, wie uns unter dem richtigen Betrachtungswinkel das Bild augenblicklich einließe, und vermieden darauf jede Bewegung, die es wieder ein Stück, wenn auch nie mehr ganz, schlösse. Wäre das Nebulose erst ein für allemal zum Aufklaren gebracht, so hielten wir uns aufmerkend an die von links und rechts zugleich hervorbrechende Helligkeit, an einen in deren Fülle hinaus offen stehenden Fensterflügel, an den Grad der Belaubung einer Baumkrone, und mangels Überlieferung der genaueren Umstände ersähen wir aus der Summe des Spärlichen, das allein unserer Suche nach Gewissheit als Indiz taugte, dass es ein Sommertag gewesen sein dürfte, der sich hierin gleichsam selbst bezeugt. »Les premieres résultats obtenus spontenément par l'action de la lumière« und »Monsieur Niépce's first successful experiment of fixing permanently the Image from Nature« – diese handschriftlichen Vermerke fänden wir schließlich rückseitig über den Namenszügen der einstigen Besitzer. Den Bildträger mitsamt dem vergoldeten Holzrahmen, dessen geschnitzte Ornamente an manchen Stellen abgesprungen sind, tatsächlich in Händen zu halten setzte allerdings die Befugnis voraus, das sorglichst eingekapselte Exponat der Schutzatmosphäre einer eigens für dieses eingerichteten und mit einer Glasscheibe abgedichteten Wandnische zu entnehmen, sowie einer darin angebrachten Vorrichtung, deren Neigung ebenso wie die Beleuchtung ohnedies dem Erkennen förderlich ist. Ein Spiel der Fantasie um nichts weniger als alles Weitere...

Als N., den wir seinem historischen Vorbild nachzuempfinden versuchen, ohne von diesem, selbst in Kenntnis der schriftlichen Hinterlassenschaft, annähernd wissen zu können, was wir von jenem hier zu wissen vorgeben – als unser N. die chambre obscure, welche der geschätzte Chevalier nach seinen Vorgaben gefertigt hatte, ans Fenster seines Arbeitszimmers in Saint-Loup-de-Varennes stellte, war der Morgen dazu angetan, die Reste substanzloser Zweifel auszuräumen. Bis an einen Anflug hinfälliger Wolkenstreifen stand die Luft weithin klar. Wie unter einem Schauglas lag im Ausschnitt des Fensters das Anwesen, dessen Name Le Gras vorbehaltlos eine ertragreiche Flur verhieß, was in diesem Moment freilich wenig zur Sache tat. Alle Vorkehrungen waren getroffen: Mit einer Lösung von Judäapech aus Seyssel, welches er neuerdings dem von Gonaïve importierten Guajakharz vorzog, hatte N. eine polierte Platte aus Weißzinn zuerst gleichmäßig gefirnisst und bei Tagesanbruch in die Camera obscura eingelegt. Letztere, ein Kästchen aus Nussholz, bedeutend gewichtiger als zuvor die eigenhändig konstruierten, war ein Markstein in der Reihe seiner Instrumente, die vor etlichen Jahren in einer zweckentfremdeten Schmuckschatulle ihren Anfang genommen hatte. Für die nachträgliche Bearbeitung der Platte lagen im hinteren Winkel Lavendelöl, Kerosin und ein paar einfache Utensilien bereit. Ihm blieb vorerst nur abzuwarten, während zu wirken allein dem Licht oblag, denn das Maß der Wirkung hing – mit der erprobten Naturgesetzlichkeit, die ein beharrlicher Geist eines Tages besser zu nutzen verstünde – ganz vom Grad ab, in dem die Objekte im Gesichtsfeld von der Sonne widerschienen. Umgekehrt liegt es jetzt an uns, ausgehend vom Ergebnis der einstigen Bestrebung, der toten Materie der Heliografie, eine Vorstellung vom Leben, dem diese sich verdankt, in Gang zu setzen. Sehen wir also, worin sich der Schlüssel finden ließe, die Starre zu lösen...
Die Sonne stand noch tief, erwärmte aber bereits den pigeonnier, an dem einige Bewegung eingesetzt hatte, schon bevor das Aufstoßen der Fensterflügel dessen Bewohner vollends aufschreckte. Energisch schlugen die Tauben unterschiedliche Bahnen ein, als ob in der ersten Unschlüssigkeit jede die Richtung vorgeben wollte, lenkten dann aber ohne Umschweife in stummem Einverständnis eine um die andere ein, auf das Dach des niedrigen Schuppens zu, wo sie nacheinander mit gleichen sacht aufsetzenden Gesten landeten. Dort saßen sie nun scheinbar einmütig beisammen, und bald ließen sich zwei oder drei ganz niedersinken, als wäre hier der ihnen gemäßeste Aufenthalt. Gedankenbilder – von Artverwandten, die aus wilden Felsklippen Ausschau hielten oder die antiker Kunstwille in ein Mosaik gefügt hatte – drängten sich auf und fielen flüchtig in eins mit dem Anblick der hellen Schar im Schiefergrau der Dachsteine, als wäre sie nicht bloß die Zucht eines burgundischen Gutsbesitzers und ihr Betrachter kein fortschrittsversessener Privatgelehrter. Wiederum hasteten die Vögel auf, stiegen nun hinter dem Schornstein des Backhauses hoch, verschwanden hinter dem vorstehenden Wirtschaftstrakt, erschienen dann am Rand des Obstgartens, über den sie ihre Bahnen hinwegzuwölben anhoben, drehten jedoch beim alten Birnbaum wieder herein und kehrten, ihre im Fensterglas aufblinkenden Spiegelungen im selben Zug wegwischend, an den Ausgangsort zurück, an dem es sie wohl abermals nicht lange halten würde. Während ihr agitiertes Rucken aus dem Blick geriet, drangen Reden und Widerreden ihrer Kehllaute anhaltend ins allem aufgetane Zimmer, dessen Wände Flügelgeräusche und dessen dunkle Holzdielen einen quergeworfenen Sonnenreflex einfingen, wo der Brodem des Lavendelöls einem Gemisch aus trocknenden Kräutern und einsetzender Gärung wich und Haut von der hereinsickernden Milde gleichwohl erschauerte. Es war merkwürdig, wie diese treuen Wesen, die aus jeder noch so großen Ferne unbeirrt in ihren Schlag heimgekehrt wären, oft auch ohne erkennbaren Grund eine derartige Ruhelosigkeit überkam. Da sie, anders als die Unruhe der Zugvögel, kein Ziel kannte, musste sie sich wohl in umso flatterigeren Ortswechseln im allernächsten Umkreis äußern. Man mochte es bedauern, aber das erregte, unstete Gehabe würde auch bei diesem Versuch keinerlei Spur hinterlassen. Nur das morgendlich empfängliche Gemüt antwortete, während N. in steifer Haltung verharrte, um nicht durch eine unbedachte Regung die Kamera zu verrücken, im Stillen mit Wellen von Ungestüm und Sänftigung.
Wenn N. den Hof betrachtete, unterschied er in den kleinen Veränderungen des Vertrauten das rundweg Neue vom Wiederkehrenden. Hinter dem Schuppen schimmerte der Birnbaum – das Grün, ohne Zutun einer Luftbewegung, allein vom Streiflicht aufgefächert in ein hundertfältiges. Eine Landmarke nur in der überhöhenden Karte seiner eigensten Anschauung, bezeichnete dieser den verschliffenen Geländeknick, der die Schwelle zum Garten bildete. Der Baum kam dort in den Genuss besten Erdreichs, des gesamten Sonnengangs und streichenden Grundwassers, das am Fuß des schwachen Gefälles, bevor die Rübenäcker anfingen, inmitten eines von hier nicht einsehbaren Gehölzes einen schmalen Weiher speiste, und durch die Gebäude erhielt er zudem etwas Deckung gegen Nordwind. Dass die ehemals so dichte Krone dennoch schütter wirkte, rührte von der Last eines der überreichen und doch wenig ergiebigen Fruchtjahre. Ein ums andere Mal hatte der Schorf die beurrés blancs, die Weißen Butterbirnen, befallen und bis zum Spätsommer allmählich zerfressen, so dass nur zu hoffen geblieben war, nicht alle würden schon mit der Reife schrundig und schwarz. Die wirkliche Sorge hatte freilich dem Ertrag der Felder gegolten, wo sie sich in den Jahren der Kontinentalsperre im Anbau von Färberwaid für die Gewinnung des bleu pastel versucht hatten. Letztlich war die bescheidene Beteiligung an der Wiederbelebung jener überkommenen Praktiken eine opportunistische Unternehmung gewesen, die einigermaßen leichten Herzens wieder aufgegeben werden konnte. Die seither kultivierten Zuckerrüben hatten demgegenüber immerhin den Reiz des Fortschrittlichen, soweit dem Landbau dergleichen überhaupt abzugewinnen war. Ausdauer verdienten dagegen die Ansätze jener Erfindungen, an denen der ferne Bruder, der Verbündete in der Sache eines Motors ohne Verbrauch, und er arbeiteten, nicht ohne mittlerweile erhebliche Bankkredite besichern zu müssen. War ihm daher in der Zuversicht, als ob er auf Vorschuss experimentiere, so versagte er sich in der Entmutigung jegliches Versprechen. Im Vorgriff auf die Zukunft konnte man sich schließlich allzu rasch verschätzen. Wie leicht konnten sie am Ende noch gezwungen sein, allen Besitz jenseits des engsten Gesichtskreises zu veräußern.
N. schloss ein Auge, kniff die Lider des anderen etwas zusammen und bemühte sich so, weniger durch die Körperlichkeit der Einzelheiten vom Eindruck des Ganzen abgelenkt, die Aussicht eher als eine Projektion von Hell und Dunkel vorstellbar zu machen. Eine Art durch das Sonnenlicht gravierten Stichs, der gänzlich frei wäre vom Anerzogenen oder Kapriziösen eines Stils, unberührt auch von der Bestechlichkeit des Auges, ein uneitles und exaktes Selbstbildnis der Natur galt es festzuhalten, ebenso getreu in den Tönungen der Dinge wie präzise in den perspektivischen Verhältnissen. Er bedachte den noch bevorstehenden Gang von Licht und Schatten, deren Kürzer- und Längerwerden in halber Drehung umeinander, ohne sich die Wirkung jedoch vergegenwärtigen zu können. Abermals klatschte es vom Aufflattern der Tauben, wie man es den Vogelschwingen niemals zutrauen mochte, schwenkte man bloß eine Feder durch die Luft, und dahin war der Abstand nehmende Blick, und mit diesem das geschaute Bild, in das er unwillkürlich eindrang, erschlaffend, gegen keinerlei Widerstand. Mit dem Geräusch war es, als fächelten die Flügelschläge ihm die nach Ammoniak und Moder riechende Ausdünstung des Taubenhauses entgegen, ungeachtet dessen, dass dies über die Entfernung doch eigentlich ausgeschlossen war. Dazu fiel ihm ein, dass der Putz und die Maschen der Voliere am Hühnerstall seit Längerem ausgebessert werden mussten – wie derlei Winke sich eben ergaben: zur Unzeit...

11.08.2020

19.07.2020

Der vierte Wunsch

Der Tag war wie manch anderer vergangen über allerlei gewöhnlichen Tätigkeiten, die nicht weiter erwähnenswert erscheinen und die dennoch mehr Gewissenhaftigkeit und Ausdauer verlangt hatten, als glaubhaft zu machen war. Spätabends setzte sich A. nochmals an den Schreibtisch, nun allerdings, um ein wenig mit seinen Reiseplänen voranzukommen. Zwar blieb ein Rest an Ungewissheit, ob er diese trotz der tagtäglichen Erfordernisse umsetzen könnte, doch da er den Entschluss insgeheim einmal gefasst hatte, bereitete es ihm in dem Maß, wie er das Unterwegssein ersehnte, Vergnügen, sich mit den Einzelheiten zu befassen. Er ließ dem mit zeremonieller Geste eingeschenkten Wein, der im Lampenschein leuchtendrote Schatten warf, Zeit zur Entfaltung und holte jene Landkarte hervor, die ihm eine Vorstellung verschaffen würde, welche Ziele vom in Aussicht stehenden Quartier am raschesten zu erreichen, am einfachsten zu verbinden und wie überhaupt alle Vorhaben am zweckmäßigsten zu bewerkstelligen wären. Die Erfahrung hatte ihn gelehrt, sich, wenn nicht ohnehin an die Seen, an engere Seitentäler oder an Nordlagen zu halten, deren schattige Wege, indes in der offenen Flur die flirrende Luft schwindeln machte, gegen nicht allzu große Anstrengung angenehme Nachmittage versprachen. Jede Überlegung ergab zwei weitere, und während ihn allein schon das Lesen der Karte in freudige Bewegung versetzte und jeder gewonnene Aufschluss die Neugierde in ihrer Ungestilltheit weiter aufstachelte, begannen sich seine Kräfte allmählich, jedenfalls schneller als die Kette der einander bedingenden Fragen, zu erschöpfen. Auch als er sich zum Aufhören gezwungen gesehen und schließlich zu Bett gelegt hatte, beschäftigten ihn neue Erwägungen, verdämmerten jedoch bald.
Als A. sich morgens an den Schreibtisch begab, um Nachrichten zu lesen, wunderte er sich über die aufgebreitet daliegende Landkarte. Zwar bekundete die Tatsache den Zweck, doch konnte er sich nicht erinnern, die Karte verwendet zu haben. Nachdenklich folgte er den Flussläufen, Landstraßen, Wanderwegen, die ihm schon auf die Sprünge helfen würden, setzte hinweg über Dörfer, Weiler, namenlose Gehöfte, hinein ins Blassgrün ausgedehnter Wälder, deren spärliche Schriftzüge und Symbole, ausdünnende Fahrwege und darüber hinausführende Steige ihn jedoch verdrossen, und floh auf, als er die Gefahren des nur noch von Höhenlinien durchzogenen Graus erahnte. Er faltete die Karte, trug den restlichen Wein weg, und da ihm die naheliegendste Erklärung unrichtig schien, wälzte er Gedanken an den absonderlichen Umstand, egal was er tat, beharrlich in einem fort. Darüber verbrachte er Stunde um Stunde mit Belanglosigkeiten, von denen nur dasjenige erwähnt sei, das wir als zur Geschichte gehörig erachten. Dazu zählt, dass A., als er die Karte später in einer Lade des Bücherschranks verstaute, Unzufriedenheit mit der vernachlässigten Ordnung der lieblos hineingezwängten Bände überkam – war doch die Bibliothek Spiegel der Persönlichkeit wie weniges sonst. Er überlegte, wie sie wohl am vernünftigsten zu sortieren wäre, erwog die Stimmigkeit der einen oder anderen Variante, begann erste Fächer freizuräumen und versuchsweise neu zu befüllen. Bald musste er einsehen, dass der verfügbare Platz keinesfalls ausreichen und Abhilfe an diesem Tag nicht zur Hand sein würde. Die Gedankenstürme, welche das Taxieren der Bücher aufschaukelte, wären vielleicht vorhersehbar gewesen. So sehr er nun versuchte, sich von diesen wieder zu befreien – bis spät in die Nacht sollte ihn eine immer kribbelnder, ärgerlicher, quälender, wütender werdende Unruhe um den Schlaf bringen.
Während nachtschwarze Wolken mit umbrafarbenen Säumen dabei waren, am blauenden Frühhimmel abzuziehen, stand A. bereits auf, um schnell einen Gedanken niederzuschreiben, nickte jedoch bald danach wieder ein. Eine unbestimmte Zeit später lag im Hellen ein angefangenes Notizbuch, dessen Rücken leise knackte, als er es aufschlug. Zwar fand er darin einen ersten Eintrag, in diesem aber nicht den geringsten Hinweis, warum auf der Unterlage noch ein weiteres unscheinbares Büchlein lag – in aschgraues Leinen gebundene kaum mehr als fünfzig Blatt feinen Papiers, welches am Silberschnitt da und dort zusammenhaftete. Der Band trug in schwach kontrastierender Prägung den Titel Querverweise und enthielt eine Sammlung literarischer Miniaturen von jeweils wenigen Seiten – keineswegs jüngster Hervorbringungen unbekannter Verfasser, wie A. beim Durchblättern feststellte. Wie der Band wohl in seinem Besitz gekommen und wieso er jetzt sein Interesse geweckt haben mochte? Die Autoren mussten, zumindest teilweise, im Austausch miteinander gestanden haben, denn ein Geleitwort verriet, dass sie sich sowohl in der Art eines Reigens, als auch in frei gewählter Weise aufeinander bezogen. Worin die Verbindungen bestanden, war demnach bei der ersten Lektüre nur unzureichend zu fassen. Erwies sich das Geschriebene auch in einigen Passagen als unbekümmert um Zugänglichkeit, nährte es dennoch den Eindruck aufrichtig uneitlen Bemühens, sich ins andere einzufühlen. Immer wieder umspielte es Aspekte des Vorangehenden oder versuchte dieses auf die eine oder andere Art umzudeuten, verknüpfte es in manch überraschender Wendung mit scheinbar Fernliegendem und eröffnete so ganz neue Felder. Im Glücksfall weckte es die Vorstellung einer idealen Gemeinschaft, die sich in Dialog und Anverwandlung zu steigern suchte. Doch plötzlich begann das Gedruckte vor den Augen zu flimmern und ihm das Lesen, welches jetzt vergeblichen Entzifferungsversuchen nahekam, zu verleiden. Je mehr er sich Wort um Wort zu fixieren mühte, desto unbegreiflicher zerflatterte jedes Gefüge, und sei es bloß ein einzelner Satz. Wo ein Faden gewesen war, kullerte es in alle Richtungen auseinander, zerrissen von einer Übermacht.
Tags darauf war es um Rückschlüsse diffiziler bestellt, denn nun fand A. auf seinem Schreibplatz ein Fernglas. Die gelösten Abdeckungen und der achtlos darübergeschlagene Riemen ließen keinen Zweifel daran, dass es nicht nur bereitgelegt worden war. Aus einem verschwiegenen Grund lag es zwischen Schreiblampe und Notizbuch, dessen Seiten um den eingeklemmten Stift leer waren. Das Fenstergeviert, in dem sich ein Grund vielleicht erweisen würde, reichte nicht aus, die Ansicht eines Baumes, der im Austreiben noch durchsichtig für seine unzähligen Verästelungen war, bis ins Äußerste zu erfassen. Dem grauen Schaft war jede Grazie lange abhandengekommen, die Wurzeln hatten einen Ring aus Pflastersteinen gesprengt und den Asphalt umher aufgewölbt, als wäre dieser nie anders als zähflüssig gewesen. Aber aufwärts bis an Schnittflächen, die man für rosig hätte halten mögen, strahlte die Borke beinahe birkenweiß. Noch der Widerstreit zwischen der schimmernden Helligkeit und schwärzlichen Aufbrüchen mehrte das Anrührende der Erscheinung. Als die Bahn eines hoch ziehenden Vogels die Krone querte, blinkte dieser dunkel in den Zwischenräumen auf, war jedoch mit einem Mal wie ausgelöscht und ließ vergebens auf sein neuerliches Sichtbarwerden am Himmel warten. Den Blick aufs Fernglas senkend, bemerkte A. dahinter einen etwa daumennagelgroßen, glattgeschliffenen Kieselstein. In dessen Ockertönen liefen Linien ineinander und verloren sich als krumme Keile zwischen den benachbarten Schichten, während andere einander kreuzten. In einer Art von Einklang, für den freilich nichts in der Waagschale lag, gegen den sich vielmehr eine Menge einwenden ließe, stimmten sie zu den Furchen des Handtellers, in dem A. das Fundstück zu drehen begann. Zugleich gaukelten sie schematisch Gewächse vor, welche mal aus einem Netz ausladender Brettwurzeln aufragten, mal im Spreiten zu spitzwinkeligen Laubengängen zusammenfanden. Indem das fälschliche Wedel- oder Wurzelwerk daran erinnerte, dass es sich einmal über das im Fragment Erhaltene forterstreckt hatte, erwies es sich als durch den ovalen Umriss in bloß zufälliger Weise begrenzt. Das Wissen um ein größeres Ganzes bedurfte nicht der Wahrnehmung desselben. Allerdings konnten solche Verstrickungen von Gestalt und Anschauung einen aus seinen Zusammenhängen in den Orbit um einen Kieselstein Geworfenen allemal gefangen nehmen.
Zuletzt blieben derlei Auffälligkeiten aus. Es sei denn, man hielte gerade den Umstand, dass keinerlei Spuren auf Launen des Wollens hinwiesen, seinerseits für auffällig. A. war zwar wieder an den gewohnten Platz zurückgekehrt, hätte jedoch den Eindruck eben jener Leere vermittelt, in die er zu starren schien. Je fester man ihn angeblickt hätte, umso gewisser wäre man sich beiseitegelassen vorgekommen. Unerforschlich, unendlich deutbar war das Gesicht. Derart, dass die Behauptung, es drücke Gleichmut aus oder Resignation, wohl nur die eigene Neigung verraten hätte. Womöglich wäre auch im einen Fall ein plötzliches Verdüstern der Missbilligung, im anderen ein Lächeln der Überlegenheit zu befürchten gewesen. Niemand hätte also zu entscheiden gewagt, ob es nicht auf eins hinausliefe. Indes befand sich das Notizbuch zugeschlagen an seinem ursprünglichen Platz und der Stift zwischen den anderen im Halter. Aber wer hätte dergleichen Bedeutung zugemessen?

05.07.2020

24.05.2020

Das Hochufer

Der Frühsommerabend war dazu angetan, den Heimweg weiter auszuholen zu lassen als üblich. So war ich ein beträchtliches Stück vor der Ankunft von der gewohnten Route abgegangen und würde nun bald auf Parkwegen schlendern, mal hierhin, mal dorthin mäandernd, als wäre nicht das Geringste daran gelegen, damit irgendein Ziel zu erreichen. Zuerst war allerdings noch die als einzige im Umkreis von abgestellten Fahrzeugen gesäumte Straße hinzunehmen  ein gestreckter, rampenartiger Zubringer, nicht etwa der dahinterliegenden Unterflurautobahn, vielmehr eines an erstere anschließenden, letztere überbrückenden, dabei aber deren sämtliche Zu- und Ausfahrten sowie über den Brückenkopf neben einer Ausfallstraße auch eine Straßenbahntrasse einbindenden, somit eines im fortdauernden Feierabendverkehr immens befahrenen, zugleich immens unterquerten Ungetüms einer Kreuzung. Doch schon die beiläufige oder bewusst dagegengehaltene Vorstellung des Parks und schließlich der Anblick vom Rand des Damms herab – das Herz des Knotens nun nicht mehr schräg voraus, sondern nach einer entschiedenen Wegwendung halb im Rücken, in knapper Folge an- und abschwellend, je nachdem, ob ein Lastwagen oder eine Straßenbahn nahe oder in einiger Distanz vorbeifuhr, auf andere Weise unter den Füssen erbebend und jegliches Geräusch des nur einen kurzen Abstieg entfernten Parks selbst im Oszillieren stetig überdröhnend – trotz alledem ließen sie mich an jene Ideallandschaften denken, die meine kindliche Fantasie sich einst ausgemalt, gelegentlich in einer plötzlichen Laune wie von einem erhöhten Punkt ungeschickt zu Papier gebracht und gleich darauf wieder abgetan hatte: an kleinteilige Archipele aus mannigfaltigen Landflecken mit Uferbuchten, trennenden Wasserarmen und verbindenden Stegen, Gebüsch und Baumgruppen, wo alles erzwungen war, ohne wieder Zwang auszuüben, gefällig, ohne Gefallen abzuverlangen, reine Großzügigkeit bis hin ins reichlich Weißgelassene.
Hier nun hatte freilich alles haarklein Gestalt. Das spärliche Weiß war Blüte des Spierstrauchs oder des Ligusters, war Federwolke oder Wangenflaum der Sperlinge, deren Familienklan mein Herantreten an den außen gerade zugeschnittenen, innen verwildernden Gebüschsaum aufgebracht missbilligte und hastig einwärts flatterte. Ein paar Schritte weiter wurde indessen auf einer der zertreten am Wegrand klebenden, verschieden roten Kirschen ein Rot im Loslösen lebendig, ließ im Aufschweben den Libellenleib erkennen, hielt noch einmal inne und schnellte fort. Anders als die zusammenfantasierten Bilder wollte dieser Park also mit Wirklichkeitssinn erfasst und als ein Stück neuer Nachbarschaft angeeignet werden: Der Damm schottete die Senke, wie überhaupt das gesamte linksufrige Siedlungsgebiet, gegen das Strombett, dessen Abkömmling sie war, ab. Ich wusste den gegenwärtigen Strom weit hinter mir in einen Anschein von Harmlosigkeit gefasst, wusste auch, dass sein Hauptarm vor Generationen unter der künstlichen Erhebung, an der ich immer noch stand, verlaufen war, und stellte mir nun dessen Fließen anstelle des Stehgewässers vor, das sich wie in einer Wanne durch den Park und jenseits einer Unterbrechung durch zwei Bahntraversen in der Andeutung eines Bogens forterstreckte. Dabei war es, als hätte ich dies nie zuvor betrachtet und als hielte der sich darbietende Zusammenhang – entgegen all dem schleunigen Fortkommen, dem sich mal da, mal dort die Schleusen öffneten, entgegen all der geballten Unrast, als deren Versprengte auch die ausscherenden Radfahrer in ihrem achtlosen Hinabpreschen erschienen – mich zu gesteigerter Aufmerksamkeit an.
Selbst in dieser Art von Vogelschau, die im Grunde eine Bulldozerperspektive war, von dieser höchsten Stelle aus, war der Park nicht in seiner Gänze zu überblicken. Somit bedurfte es einer willentlichen Vergegenwärtigung, den vor Augen liegenden mit den übrigen Teilen zu einem Gesamtbild zusammenzudenken. Während ich zugleich dem imaginierten Fließen nachsann, wurde ich so zum ersten Mal jener im Grün verborgen ein Stück weit hinter einem Nebenarm die Gegenseite des Parks bildenden Böschung als eines alten Hochufers gewahr. Es handelte sich also um einen zum Stillstand gebrachten, wohl nachträglich gleichmäßig abgeschrägten Prallhang, wo man siedelnd einst das Schicksal herauszufordern gewagt hatte. An diesem mussten vor Zeiten die Fluten geschürft und genagt haben, und mehr noch die überaus gefürchteten Eisstöße – wenn eine den Winter hindurch gewachsene Eisdecke im Antauen zerbarst, sich die Schollen schrammend in Bewegung setzten, sich übereinander schoben und alles dahinter aufstauten – welche mir, weil ich dergleichen lediglich von sehr alten, sehr grauen Fotografien in Büchern kannte, wie legendenhafte Ereignisse vorgekommen waren, ehe sich später andernorts Gelegenheit ergab, die Oberfläche des Stroms weithin zu Eis erstarrt zu sehen – häufiger aber wohl Hochwässer wie jenes, welches in frühesten meiner Erinnerungen an einem jüngeren Ufer unter einer trostlosen Wolkendecke, aus der es nicht einmal mehr regnete, den Fluss zur undurchsichtigen, maßlosen, sich zum Rand her jedoch merkwürdig erschöpfenden, trägen Urgewalt und meinen Vater ganz still gemacht hatte. – Drüben, über dem vormaligen Hochufer, wohnte ich jetzt.

2018/2020