31.12.2022

haiku #43

 
zur silvesternacht
suche ich nach streichhölzern 
wohin ist das jahr

20.11.2022

Die »Celeste«

(Eine Schauergeschichte)

Will war früh aufgebrochen. Seit er Witwer war, besuchte er nicht nur fast täglich den Friedhof, sondern er hatte begonnen, alte Wege nachzugehen. Aus absichtsloser Flanerie erwuchs bald ein festes Ritual: Also ging er nicht nur vom Brückenkopf, in dessen Nachbarschaft er wohnte, gelegentlich die Rampe hinunter an den Fluss – neuerdings ging er regelmäßig weiter entlang der wuchtigen Sandsteinquader, deren Hundertschaften die Kaistraße stützten, dem Ende der Promenade zu und darüber hinaus. Eine Zeitlang waren sie dort, wo alles sich weitete und eine rauere, leicht tranige Note annahm, öfters zu zweit gewesen, bevor Selma die Flussufer mit einem Mal ebenso als unheimlich empfunden hatte wie seit jeher die Düngemittelfabrik, deren Hallen eines Nachts in Flammen standen, oder die Reste des Güterbahnhofs. Zwar hatte sie dergleichen nie geäußert, es aber auf ihre Weise spüren lassen. Mehr als andere zusammen alt gewordene Paare hatten Selma und Will einander mit einem Lidschlag verstanden. Nicht nur dies hätte er beschworen, wenn jemand neugierig gewesen wäre, es zu erfahren.
Wo die Promenade überging in eine begrünte Berme, so breit, dass man sie als eine ausgedehnte Wiese wahrnahm, dort war die Uferseite von einer Reihe alter Bäume bestanden. Bei einem von ihnen – einem krummen Ahorn, der noch im zweiten Jahr nach Entfernen des Nachbarbaums dessen Andenken als eine unschöne Einbuchtung seiner Krone bewahrte – pflegte Will lange innezuhalten. Er schien diese Stelle wie die Station eines Andachtsweges zu absolvieren, indem er fast tonlos, doch die Lippen bewegend, stets in etwa dieselben Worte in sich hineinsprach. Nicht nur dies hätte beobachten können, wer so nahe gekommen wäre, es zu bemerken.
Ein Flusshafen lag, dem Nagen der Gezeiten entzogen, weiter stromauf. In der Stadt dagegen gab es nur eine Reihe kaum noch angefahrener Landeplätze. Verwaistheit, Schiffslänge um Schiffslänge, bis auf einen an den letzten Pollern vertäuten, für immer entladenen Frachter – einen jener für Kohle oder Kies gebauten Lastkähne, die hier selten geworden waren. Im Vorjahr mit einer Havarie liegengeblieben, stieg und fiel die »Celeste« tagaus, tagein, Jahreszeit um Jahreszeit auf der Stelle, und mit ihr, dort wo die Uferbefestigung zurücksprang, eine vom letzten Hochwasser vermehrte Masse Treibholz in ihrem Stromschatten. Nicht nur diese schwimmende Halde aus Ästen und Unrat war Will ein Ärgernis, auch jene verwegenen Burschen, die an Sommerabenden irgendwie hinübergelangt waren und, während sie sich auf dem Vorschiff bei lauter Musik und wer weiß womit vergnügten, die große Fahrt den Strom hinauf imaginiert haben mochtenDass im Klang der ersten Silbe von »Celeste« der Schlüssel zum Verständnis von Wills sonderbarem Andachtsweg lag, hätte, wer immer es erwog, wohl gleich wieder als Unfug abgetan. In Wirklichkeit aber kümmerten die Gewohnheiten eines wunderlichen Alten niemanden.
Will war also früh aufgebrochen. Wilde Phantasmagorien hatten ihn um den letzten Schlaf gebracht, und so suchte er Beruhigung. Ein feierlich stimmender Glanz lag diesmal über dem Wasser. Vom Mündungsgebiet war zu dieser Stunde nichts zu sehen, doch anders als im Sommer war der Ausblick nicht nur von körperlosem Dunst verschleiert. Jenseits der Mündung wäre zu beobachten gewesen, wie eine Meeresbrise die aus dem Flutstau aufsteigenden Dampfschwaden in Gestalt einer Nebelbank landeinwärts schob. Da diese sich über der Stadt zu lichten begann, leuchtete die Sonne immer wieder und immer bestimmter hindurch wie träge flackernder Lampenschein durch Milchglas. Die »Celeste« indessen hatte eine neue Besatzung: Woche für Woche waren die Möwen zahlreicher geworden, die nun dicht gedrängt Aufbauten und Reling bevölkerten und dem Leuchten entgegenblickten. Die sonst so zänkischen Vögel taten dies – nicht nur für den Moment, als zweihundert und zwei Augen einander taxierten – in einmütiger Stille. Die Stille, das Leuchten, sie waren wie aneinander gesteigert. Machtvoll besänftigten sie, was da aufgewühlt und zerquält hatte. Was nun Einzug hielt und Will ausfüllte, schwieg und hieß ihn schweigen, und etwas aus dem Schweigen hob an:
     »Wie es scheint …«
»Selma!«
     » kannst du nicht von mir «
»
Du weißt, man ließ mich nicht Abschied nehmen!«
     » das hast du dir selbst «
»Man hat mich festgehalten und im Unwissen gelassen!«
     (Schweigen)
»Du könntest wenigstens etwas Freude zeigen!«
     » an diesem verlotterten Ort «
»Immer noch besessen vom Niedergang!«
     » wo man mir nach dem Leben «
»Du konntest einem ganz schön Angst einjagen!«
     » Strahlung von drüben «
»Bis ich den Unsinn am Ende glaube!«
     » und dich scharfgeschaltet «
»Herrgott noch mal, Selma!«
     »… die Stunde, da die Wahrheit …«
»Natürlich, ein Heulen und Zähneknirschen!«
     (Schweigen)
»Es war doch alles einmal anders!«
     » aber nicht erst damals «
»Drück dich gefälligst klarer aus
     »… als du Mark deinem zwielichtigen …«
»Ah, daher weht heute der Wind!«
     »… an dem Jungen vergangen …«
»Diese Ausgeburt deiner irren Fantasie!«
     »… Schaden an Leib und Seele …«
»Daran gibst du mir die Schuld!«
     »… darüber wird ein Höherer …«
»Dir den Teufel austreiben!«
     (Schweigen)
     »… etwas wie Mark sollte ohnehin nicht …«
»Wehe, andere spielten sich zu Herren über Leben und Tod auf!«
     »… in Gottes Hand …«
»Das hast du dann ja vorgemacht!«
     (Schweigen)
     »… aus meinen Briefen …«
»Mit denen du alle vor den Kopf gestoßen hast!«
     »… wird meine Sendung …«
»Die mir Demut predigt! Wer hielte dich für so wichtig!«
     »… Zeichen werden noch …«
»Eigene Heiligkeit anzumelden, das hat die Welt noch nicht gesehen
     »… Vorväter hatten Achtung …«
»Auf dem Scheiterhaufen hätten sie dich verbrannt!«
     (Schweigen)
     »… Werkzeuge ward ihr, Prüfungen …«
»Gesteuert von feindseligen Mächten wahrscheinlich!«
     »… sagst es doch selbst …«
»Warte, wer aller mir noch beispringen wird!«
     »… wie lächerlich du …«
»Man wird dich Respekt lehren!«
     (Schweigen)
»Weibsteufel!«
Es fehlte wenig, dass man Will aus dem Wasser hätte bergen müssen. An dieser Stelle gäbe es ein wohlfeiles Bild, hätte sich Will, der weder schwimmen konnte, noch an der Uferbefestigung hochzusteigen vermocht hätte, wie ein Schiffbrüchiger an eine treibende Planke geklammert. Weil aber dergleichen nicht geschieht, sah ein Morgenläufer in ihm lediglich einen hocherregten, gefährlich an der Kante Stehenden, der einen havarierten Frachter beschimpfte. Wenig später fand eine Dame, die ihren Hund ausführte, kaum noch Veranlassung, ihre Schritte zu beschleunigen, während ein auch ihr Unbekannter, am ganzen Körper bebend, am Ufer auf und ab ging, mit verstörtem Ausdruck, der nicht nur der leeren »Celeste« gelten konnte, und nicht nur dem an der Seite ihres Hecks gefangenen Totholz.

18.10.2022

Einthal-Klamm

Nieder zwingt der Fels
den arglosen Steig.
Taub sinkt er
ins Moos.

Schwindel erfasst seine
Stämme, die Wipfel
unterm Fallbeil
des Winds.

27.09.2022

haiku #42

 
septemberregen 
kaum dass wir sie bestaunen
sterben die schwalben 

02.08.2022

Dämmerungsstück

Ich erschrak. Nicht, dass ich zusammengezuckt wäre – aber dieses leise Erschrecken genügte, den Brokat der Schlaftrunkenheit gegen Ende einer jener Mittsommernächte zu zerreißen. Auf dem blanken Boden des frisch durchlüfteten Schlafzimmers, in das ich eben zurückgekehrt war, lauerte ein dunkles Gebilde. Indem die Dämmerung mir die Verhältnisse verwirrte, gaukelte sie etwas wie einen eingedrehten Handschuh vor. In Wirklichkeit liegt da bloß ein verwelktes Blatt. Ungestalt, rissig, behangen mit anderem Angeflogenem, wohl von Spinnweben Eingefangenem, muss es in irgendeinem Winkel überdauert haben, ehe es ein Windstoß hereingetrieben hat. Mich irritiert, wie körperhaft es trotz seiner Hinfälligkeit wirkt – wie man sich vielleicht einen eingetrockneten verwachsenen Fötus vorstellt: etwas in sich verdrillt, ein Ende leicht aufgerichtet, die seitlichen Lappen scharf einwärts gekrümmt wie in Agonie angezogene und sodann erstarrte Gliedmaßen. Ich schalte die Nachtlampe an, und während ich mich daranmache, das Fenster zu schließen, irrt zu meinen Zehen eine Milbe umher und flieht in den Schlagschatten des Blattes. Einen Schatten zu werfen reicht das Gewebe wie aus gekräuseltem Seidenpapier aus, aber dessen Festigkeit scheint nur noch die bewehrte Mittelrippe zu erhalten – wie die Sehnen an einer Mumie tritt sie aus der eingefallenen Spreite hervor. Den gewölbten Grat entlang leuchtet ein Stück Strahlenkranz aus akkurat ausgerichteten Stacheln, nicht viel stärker als Haare, doch dem Anschein nach hart genug, die Haut an den Fußsohlen zu durchdringen. Überhaupt offenbart das Gebilde im Licht erst recht unheimliche Züge, als hätten außergewöhnliche hochwallende Strömungen ein Tiefseewesen an Land geworfen. Ich versuche mich zu fassen, indem ich verschiedene, lange nicht gehörte Namen erwäge, ohne entscheiden zu können, welcher zutrifft. Ich verwerfe Rauke, greife Karde auf, verwerfe Karde, greife Lattich wieder auf – jedenfalls ein Gewächs, das imstande wäre, seine Lebenskräfte notfalls aus einer vernachlässigten Ritze zu beziehen, und das niemand auf den bewohnten Flächen im Umkreis je angepflanzt hätte. Weitere Namen drängen sich auf, dunkler, rätselhafter, ungeheurer: Saflor? Skariol? Während ich die Wörter befrage, nehmen sie einen Klang wie von Würgfeigen, Nesselfarnen, Gorgonenhäuptern, ganzen Arsenalen verschwommener Fantasien an. Da mich erneute Schwere überkommt, begebe ich mich zurück ins Bett, drehe mich zur Wand, ziehe Arme und Beine an, spüre das Reiben der Schenkel aneinander, den Hauch am Oberarm, das Erschauern der Härchen, den Geruch der Haut. Aber noch ehe ich mich am eigenen Stoff und Dunst erhitze, erhebe ich mich wieder und nehme endlich das Blatt vom Boden auf. Ich bringe es ins Arbeitszimmer, lege es zu den anderen Dingen – dem Landschaftsachat, dem toten Ordensband, der blauen Feder des Eichelhähers. Dann halte ich die Sätze fest: Ich erschrak. Nicht, dass ich zusammengezuckt wäre – aber dieses leise Erschrecken genügte...

23.07.2022

Abgesang der Heuschrecke

Wenn die letzte Nacht mir naht,
werde ich euch nicht mehr fliehen,
werd wach um eure Zäune ziehen,
lass euer Gras und Grummet liegen
und vom Wind allein mich wiegen.

Wenn hochzuklettern mir geglückt,
werd ich die Beine halb verschränken,
in Wahn und Weh mich arg verrenken,
wirres Gesirr vielleicht noch singen,
eh himmelein die Lichter springen.

Wenn ihr dann diese Hülle seht,
die bleiche Pilze schon verzehren,
hab lang ich aufgehört zu delirieren;
die Sporen wird es weit versprengen,
die Reste mag die Glut versengen.

02.07.2022

26.06.2022

Herrenholz

Folgt man in Wien der nördlichen Einfallstraße gegen den Strom der Einpendler, ist gleich nach dem Heeresspital das äußerste der längst als Vorstädte vereinnahmten Dörfer erreicht. Nimmt man dort die auf umliegende Fluren verweisenden Gassen und, schon zwischen den ersten Feldern und Weingärten, den Fahrweg vorbei am Schießplatz und am Luckenholz, so bleibt, dem Bisamberg von Osten zu, zuletzt das Herrenholz zu umgehen. In diesen Tagen, da der Höhepunkt des Jahres sich allen Sinnen ankündigt, nahm ich aus einer Laune heraus stattdessen einen Pfad mitten hindurch. Das Innere des Wäldchens, wohin das Knallen vom Schießplatz nicht dringt, erwies nun die Gunst, der Natur unverhofft tief in ihre Angelegenheiten blicken zu lassen. Es tat dies anhand einer Eiche – einer alten Eiche, denkt man unwillkürlich. Betontrümmer im Unterwuchs, seit der Kriegszeit noch nicht gänzlich im Erdreich versunkene Fundamente – einer Werkstätte für Flugmotoren, wie bei Werk X der einstigen Schanzenlinie zu lesen ist  nähren Zweifel, ob auch nur einer der Bäume älter ist als das Dreivierteljahrhundert seitdem. Sei es also, dass ich mir etwas vormachte – ich meinte unter einer Eiche aus der Zeit vor Bombenkrieg und verbrannter Erde zu stehen, wenngleich einer kranken, einiger Äste und Kräfte beraubten. Was diesen Baum vor den anderen auszeichnete, war die Fülle an surrendem Leben, das sich auf ihm regte, und so begann ich, über seine Schäden hinweg, ihn als einen wahren Weltenbaum zu betrachten.
Ein erheblicher Teil der Anziehungskraft für allerlei Getier rührte wohl von jenen schwarzen, im Licht bläulich schimmernden Bockkäfern mit den ausladenden Antennen her, die unentwegt auf den Karrenfeldern der Rinde einherwandelten, als wären diese tatsächlich die Grenzen der Welt. Wo sie sich aus dem Holz herausgefressen hatten, blutete der Baum; vielmehr stockte in den Schründen der Borke milchglasiger, zäher Saft, weißlich und opaleszierend wie Eiter. Eine zweite, kleinere Art, die ich wegen ihres ocker-grauen Tarnkleids erst später bemerkte, mochte weiteren Anteil an dem Ausfließen und Schwären haben. Die Nutznießer aber waren zahlreich: Denn der Baumsaft war reinstes Manna für eine Menge rotgebänderter Admiräle, oranger Füchse, braun-weißer Waldportiere und anderer Falter. Nicht nur zogen sie ihn jedem Nektar im Umkreis vor, sondern schienen bis ans Ende ihrer Tage nach keiner anderen Nahrung mehr zu verlangen. Störungen veranlassten sie lediglich, ohne Umschweife ein kurzes Stück aufwärts oder abwärts zu flattern, und hatten sie sich hingesetzt, schlossen sie sofort wieder die Flügel. Kaum bereitwilliger lösten sich die Hornissen, welche auf Patrouille eingekehrt waren – unter ihnen zwei in ihren furchteinflößenden Maßen ebenbürtige Königinnen in einigem Abstand voneinander, aber durch keinen noch so nahen Betrachter vom Mahl abzulenken. Gelegentlich wagte sich eine gedrungene Schwebfliege, ein auffälliges Mischwesen von der Statur einer Hummel und wespenartig gelb-schwarzem Anschein von Gefährlichkeit, zwischen die Hornissen und war dabei doch ständig auf der Hut. Inmitten dieses vielgestaltigen Getriebes verharrte ein imposanter Hirschkäfer, mit gespreizten Beinen und das bekränzte Haupt erhoben, senkrecht am Stamm über seinem Weibchen wie der Koloss über der Hafeneinfahrt, während um das reglose Paar einige Überschusskolosse von minderer Größe auf vergeblicher Suche umherschaukelten.
Der Friede freilich trog. Unschwer waren Anzeichen nicht lange zurückliegender Kämpfe zu bemerken. Einer der Bockkäfer von der ocker-grauen Sorte hatte die meisten Glieder seiner nun zu unnützen Stummeln gestutzten Fühler eingebüßt, ein einsamer Junikäfer kam trotz seiner Anstrengungen kaum vom Fleck, und um den Stammfuß verstreut lagen Fliegenhinterleiber und zwei Schmetterlingsflügel. Eine Ahnung der möglichen Hintergründe für derlei Verhängnisse kam mir, als ich feststellte, dass sich ein Ablauf immerzu wiederholte: An manchen Stellen war besonders den Admiralfaltern stets nur eine Zeitlang Aufenthalt gegönnt, ehe rasende, selbstlenkende Geschosse auf ihre Rücken abzielten. Dies blieb, so oft ich es beobachtete, doppelt folgenlos, weil die Falter im letzten Moment aufflogen, sich andererseits jedoch nicht von neuen Anläufen an der nächsten und wieder nächsten Stelle abbringen ließen. Eher als die Schmetterlinge erbeuten zu wollen, schienen die Hornissen – wie wenig wirksam auch immer – über die ergiebigsten Saftquellen alleinige Verfügungsgewalt anzustreben und Ansprüchen anderer erbittert zu begegnen. Allein ihre geringe Zahl erlaubte nicht, eine unumschränkte Tyrannis auf die Übermacht ihrer Waffen zu gründen. Doch zweifellos war, obwohl ich keinen Hinweis auf ihr Nest finden konnte, für ihre Vermehrung Vorsorge getroffen und eine Brut zu ernähren. Jedenfalls kam das Unglück dann über die wehrlose Hummelfliege. Kaum von einer der Jägerinnen gepackt, war sie mit einer Krümmung überwältigt und mit Bissen geköpft. Das Tranchieren des Rests zu studieren aber fehlte es mir an Kaltblütigkeit. Eben noch voller Eifer des Wissenwollens, war ich satt von Eindrücken und angewidert von der Erkenntnis, wie es in dieser Eichenwelt also eingerichtet ist.

24.05.2022

Kali und Phosphor

Die alten und neuen Geschichten zu tauschen,
flanierten wir durch den botanischen Garten,
wo Stunde um Stunde wir launig verbrachten,
mal staunten, mal lachten und nebenher lasen,
unter tausend Gewächsen von hie und von da,
die Epitheta pontisch, podolisch, ruthenisch
an Kalikraut, Wermut, an Geißklee und Distel,
und Bilder erstanden von Steppen und Triften
und staubigen Brachen; es war, als gemahnten
sie unsre Gedanken, Tribut zu entrichten 
an Tote, Verschleppte, ans Trauern und Bangen
im östlichen Flammen von Phosphor und Wahn.

24.04.2022

haiku #40

 
die schreie des pfaus 
erst gellen sie vom schießplatz
nun vom friedhof her

01.03.2022

Märzland

(Vor Nonndorf)

Hinaus, genug von Stubendingen –
zu fühlen: den Wind den Winter zwingen;
Wärme tändelnd sich verschenken,
mit Säften all die Dürrnis tränken,
Leben tauen in Stock und Waben,
leichthin wecken jeden Graben –
hinaus, es dauert nicht mehr lang.

Voraus nun liegen kahl die Breiten,
drüber hingestreute Sprödigkeiten.
Härte fand manch schwache Flanke –
am Feldrain ein Kadaver, Gezanke,
Krähen, aufgeschreckt wie Diebe.
Wolkengeschiebe, Sandgestiebe,
voraus fliehen Lichter, flieht Gesang.

19.02.2022

drosseln


kahler zürgelbaum –
an diesem morgen schlägt er
mit hundert flügeln



wacholderdrosseln –
kopfüber und kopfunter
in den beerenrausch



ein drosselschwarm fliegt
jäh aus den baumkronen auf –
wirklich kahl sind sie


[Ein neues (#39) und zwei ältere
 haiku (#28, #14), vereint zu einem Zyklus] 

22.01.2022

Winter-Splitter #2

Ein bestirnter Himmel: eine Milchstraße und in einiger Entfernung, ohne erkennbare Beziehung zu jener näheren, eine zweite – so erstrecken sich Formationen abertausender geballter Helligkeiten durch das Klardunkel unter mir. Dieses durchwirken, eigenen Regeln folgend, unauffällige Verwerfungen, deren verschliffene Kanten meine Füße erspüren. Dann schnalzt, aus dem Nichts, etwas wie ein kosmischer Peitschenhieb durch die Welt – dumpf der Widerklang einer Membran, und wieder eisige Stille.

Mehrere Perioden des Tauens und Frierens später liegt im fahlen Laternenschein meines Abendwegs ein Muster anderer Dimension: Als wäre gescheckte Tierhaut, ins Groteske überdehnt, von Ufer zu Ufer aufgespannt worden, oder als hätte sich das Gewässer für hoch oben schwebende Beschauer camoufliert, umschließt eine unregelmäßige bereifte Fläche nachtschwarze Inseln frischen Eises. Bei Sonnenschein stießen hier wohl Schlaglichter, kälter als aus jedem Suchscheinwerfer, durch auf den Grund.

Ein andermal wird das Altwasser in Wellen, immer abwechselnd, matt und wieder spiegelnd – unablässig jagt ein lauer Sturm Schauer um Schauer über den Wasserfilm, der das angetaute Eis überzieht. Ein Weniges nur, es bräche, und ganz nebenher wischte der Wind die Reste beiseite  so meint man. Am nächsten Morgen ist alles widerrufen, die Oberfläche wiedererstarrt, rippelig nun und opak. Möwen sind versammelt, manche der auffliegenden kreischen, die einhertrippelnden bleiben stumm.

31.12.2021

Stiller Silvesterabend

Der Tag hält ein und blickt ins Jahr:
was es vergab, was es versah,
was es verschafft, was es vermacht 
der Tag streicht weiter in die Nacht.

Die Stunden pochen in den Wänden:
was sie vernähmen, was sie verständen,
was sie vergäßen, was sie vergäben 
die Stunden loten ganze Leben.

Sekunden (niemand, der sie zählt):
was sie verstellt, was sie verquält,
was sie vereint, was sie entzweit 
Sekunden keiner Ewigkeit.

26.12.2021

haiku #38

 
ein flacher himmel
wie nasse leinwand  heraus
schneien die möwen

08.12.2021

Wässer von Turin

Tritt man am Turiner Ponte Umberto I an die Balustrade des Brückenkopfes, tut sich zwischen einer unabsehbaren, Abstand zur Kaimauer wahrenden Häuserflucht und dem Gelände des Giardino Ginzburg die steingefasste Weitung auf, deren Grund dem Po vorbehalten ist. In einer langgezogenen Biegung blüht das milchige Grün des Flusses hier den Sommer über auf eine Weise aus, die ich nicht zu benennen vermag. In meiner Erinnerung hat das gestaltlos gewordene Grün nichts vom Fluten des Quellmooses, noch ähnelt es einem Film aus Wasserlinsen. Ich erwähne es, weil in ihm ein solches Beharren, eine jeder Vorstellung von Fließendem so sehr widersprechende Beständigkeit gewesen sein muss, dass ich, allen übrigen Gegebenheiten zum Trotz, einen ausstreichenden Tieflandstrom zu sehen meinte, dessen Oberfläche eher von landeinwärts ziehenden Stürmen aufgewühlt würde als von den eigenen, erschlaffenden Kräften. Es war, als hätte es bloß des Wechsels auf die Anhöhe der Kapuziner gleich hinter dem Park oder auf jene der Serviten von Superga etwas stromabwärts bedurft – schon wären vielleicht Küstenmarschen und Lagunen, Muschelbänke und Fischkutter im Dunst zu erahnen gewesen.
Erst jetzt bemerke ich auf einer der Ansichten, die ich bemühe, um meinem Gedächtnis nachzuhelfen, in einer hinter der nächsten Brücke im Flussbett errichteten Schwelle, erhaben genug, die Wildheit des Stroms zu brechen, die Ursache dieser Täuschung. Auf einer anderen Ansicht entdecke ich in der Uferbefestigung gegenüber, zwischen Landestegen für Sportboote, eine Ausnehmung, durch die ein Wasserlauf einmündet. Ein wenig wie die Forscher am Austritt des rätselhaften Timavo vormals die Frage nach dessen Herkunft aus den Tiefen des Karsts beschäftigt haben mag, erwäge ich nun, ob es sich um den im Unterlauf überbauten Bach handeln könnte, auf den ich, vom anderen Ende der Brücke zwei oder drei Straßenbiegungen hügelan, auf der Anhöhe der Salesianer von Valsalice, aufmerksam geworden bin. Das dort betriebene Lyzeum, aus dessen naturkundlicher Sammlung ein formidables Museum hervorgegangen ist, verdankt, wenn ich die Hinweise richtig deute, ein paar Fundstücke der Wirkung jenes Baches. Demnach schneidet sein zu Füßen des Konvents verlaufendes Tälchen Lagen ehemaligen Meeresbodens, aus denen er Überreste einstiger Bewohner zutage gefördert hat: Selbst aus der nüchternsten Vitrine geben die auf und ab spielenden, in undulierende Ränder auslaufenden Formen mancher dieser Muscheln, seien sie klein wie Münzen oder tellergroß, dem Betrachter eine Anmutung von leisem Wogen.
Es sollte dann ein anderer, in ähnliche Ablagerungen der Turiner Hügel erodierender Bach sein, dem ich bis zur Quelle zu folgen versuchte. In dessen Einzugsgebiet war ich auf dem Weg hangabwärts von Pino Torinese gelangt. Aus einem nach Melvilles weißem Wal benannten Freibad drangen weithin Stimmen, wogegen die vorausliegende Ortschaft Valle Ceppi geradezu verlassen wirkte. Jedenfalls erinnere ich mich nur an eine alte Einwohnerin, die langsamen Schritts und mit fast tonlosem Gruß vom Friedhof herkam, durch dessen Tor weiß die Kolumbarien in der Sonne strahlten. Gegenüber der Kirche blätterten Sterbeanzeigen ab, geschlossen waren zwei kleine Läden, stumm hinter Behelfszäunen und Planen der Rohbau eines Wohnhauses, verwaist ein Kinderspielplatz, wo nur ein Specht sein aufgeregtes Kicksen hören ließ, und lediglich in dem einen oder anderen Garten schlug ein Hund an, während ich vorüberging. Schließlich endete die Straße, ich vernahm wohl spätestens von hier an, vom Grund eines letzten Wiesenflecken, die Geräusche des Baches und folgte diesem in den Wald. Da sich ein fester Weg mit scharfer Kehre gleich wieder abwandte und stärker an Steigung zulegte, als jener des Grundes entsprach, suchte ich nach einer Möglichkeit, diesem nahe zu bleiben, und fand einen reichlich verwachsenen Pfad. Indem ich mich nun durchs Gehölz wand, schwächere Zweige zur Seite bog und stärkeren durch Verrenkungen auswich, musste ich alle Aufmerksamkeit auf den jeweils nächsten Schritt richten. Beabsichtigte ich, so gut es das Dickicht zuließ, einen Überblick zu gewinnen, war ich, um der Unversehrtheit willen, zum Stehenbleiben genötigt. Dann jedoch vereinigten sich Bach und Pfad, das Bachbett selbst wurde damit zum alleine gangbaren Weg. Dieser Umstand erleichterte das Weiterkommen, da vom Wasser hier kaum mehr als Rinnsale vorhanden waren, neben denen grober Schotter fast meterbreit blank dalag. Die Annehmlichkeit währte jedoch nicht lange, denn bald schloss sich das Unterholz erneut zusammen über dem Kiesbett, das hinter einem schwierig zu umgehenden Geländevorsprung immer unkenntlicher und trockener wurde. Welche Schicht des vorzeitlichen Meeresbodens ich wohl erreicht haben mochte? – Ein Hieb ins Gesicht beendete die kleine Unachtsamkeit. Ich hatte den Arm zu früh herabgenommen, und während ich eine schon früher abbekommene Schramme betrachtete, meinte ich zu fühlen, wie über dem Auge das warme Blut hervorquoll...
Tags darauf stürzte auf die Stadt anhaltender Starkregen nieder, der unüberhörbar die Feuerwehr zum Ausrücken zwang, mir aber jedes Verlangen nahm, das behagliche Dachzimmer zu verlassen. Die Wassermengen, die im Herabfließen an den schrägen Fenstern zeitweilig jegliche Aussicht auslöschten, verstärkten indes mein Empfinden von Vergeblichkeit – umso lebhafter die Vorstellung, alle eben noch versiegenden oder kraftlosen Gerinne wären mit einem Mal verwandelt in Sturzbäche und schäumende Katarakte.

14.09.2021

Das Geisterfischchen

Man hat sie bald über, diese zwischen den Lamellen herein und allumher wehende Note von fettem, absterbendem, in der Sonne des Spätsommernachmittags noch einmal aufgeheiztem Leben, und schließt also die Fenster. Das Kindergekreische, die über Gesicht und Arme hüpfenden Turbulenzen – sie zerstäuben wie die Sporen eines Pilzes, dessen hinfällige Hülle einem Tritt erliegt. Ein letztes Nachspüren, dann folgt man vielleicht den an der Wand abfallenden Lichtstreifen und zieht sich dahin zurück, wo es so still wird, dass die Sinne ausruhen, nur der eigene Körper noch ein wenig rauscht und unter Gedanken allmählich verblasst.
In einem der innenliegenden Winkel, die von alldem nur schwache Signale empfangen wie ferne wüste Weltteile, gleitet der Blick an einer kahlen Fläche oder am Raster eines Belags ab. Er ginge auch achtlos über ein hierher Versprengtes hinweg, vielleicht sogar durch jenes Etwas hindurch, huschte es nicht plötzlich die Wandkante entlang. Scheinbar soeben aus einem Splitter der glasierten Fliesen hervorgebracht wie einst Adam aus dem Klumpen Lehm, wird auch dieser Hauch von Stofflichkeit von einem Schatten bezeugt. Von den silbrigen Tierchen, die hier ein gewohnter Anblick sind, gibt es bloß eine Ahnung, der schimmernden Bestimmtheit entkleidet, spukhaft. Dieses papierdünne, lautlose Wesen, das nur seinen Schatten bei sich trägt wie eine Reminiszenz an die finstere Ritze, die es heimlich bezogen haben mag – es flitzt heran, hält ein, tastet seitwärts, saust mit einem raschen Schwenk über das erhellte Neuland, hält ein, formt sich zu einem Häkchen, um wieder kehrtzumachen… Gebannt blickt man hinterher, bestürzt fast, als entliefe in dem kleinen Irrwisch gerade die eigene Lebendigkeit.

27.08.2021

Der Sperber

Der vor dem Fenster, über der tiefstehenden Sonne das geblendete Auge streifende, etwa taubengroße, pfeilgerade dem Dach zu hochfahrende Schattenkörper – auf der anderen Seite, zielte er dorthin ab, müsste sich seine genaue Gestalt zeigen – schon ist er dort tatsächlich über dem Hofweg herabgestürzt, auf etwas, das ihm voran, dem er hinterher rudert, willens, sich jede Extremität zu verrenken, sich mit einem Spreizen des Stoßes, dem Ausgreifen einer Schwinge um die eigene Achse zu werfen, sich, wenn es denn sein müsste, fast zu überschlagen, um auch noch das Eck, diesen vermaledeiten rechten Winkel im Zaun entlang der Hintergärten, zu nehmen – wäre was immer, Spatz oder Meise, nicht dem aufgezwungenen Gewirbel, gerade als es in einem Wendepunkt innezuhalten schien, mit einem wohlbeherzten Satz durch die Maschen entkommen…
Etwa so dürfte es eben gewesen sein. Indes hat er sich emporgeschwungen und sitzt nun, ein Sperber also, erstarrt auf einem schwebenden Gestänge und schaut herab. Mag sein, dass alles um ihn her noch ein wenig schwankt. Seinen dunklen Mantel halb um das geringelte Rumpfkleid geschlagen, spielt er vielleicht unmerklich mit den Muskeln. Aber noch während es ist, als gingen unter der Kuppel über sich leerenden Rängen die ersten Lichter aus, streicht er mit flachen Schlägen dahin zurück, woher er gekommen ist. Die Szenerie kippt, und schon sind die Dinge wieder, was sie für gewöhnlich darstellen: Die Kuppel löst sich auf in leeres Himmelsblau, das Gestänge wird zum Astwerk, die Ränge zu Terrassen und Loggien. Den erst beinah beklatschten Akrobaten – darin käme man, noch ehe das Abendlicht in sich zusammensänke, überein – erachten wir schließlich als einen verschlagenen Jäger aus dem Hinterhalt.